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Zu neuen Ufern

Das Jahr 2016 ist noch jung, bringt aber für mich bereits Veränderungen: ich werde per Ende März Indien und kanthari verlassen und mich nach einer neuen Herausforderung umsehen.

Das letzte Jahr war ein Erfolgreiches, wie ich geschrieben habe, sowohl von der Gruppe Teilnehmer her wie auch vom leicht veränderten Curriculum. Wir haben gut zusammengearbeitet und ich habe es sehr genossen.

Gleichzeitig haben wir im Team aber auch gemerkt, dass es verschiedene Auffassungen darüber gibt, wie kanthari weiterentwickelt werden soll, die sich nicht so einfach lösen liessen. Ich gehe hier in gegenseitigem Einvernehmen und finde kanthari nach wie vor ein ganz tolles Konzept. Ich habe viel gelernt und vor allem viele tolle Menschen kennengelernt.

So ist also jetzt, nach dem Kurs bzw. vor dem nächsten, der beste Zeitpunkt, meine Sachen zu packen und nach knapp drei Jahren bei kanthari weiter zu ziehen. Ich werde erst ein paar Wochen in der Schweiz verbringen, dann im Mai zu Till's Graduierung wieder nach Indien fliegen und ab Sommer dann Gespräche für neue Möglichkeiten aufnehmen. Dann ist sicher auch mehr Zeit, die Leute zu treffen, für die bei meinen kurzen Schweiz Aufenthalten jeweils keine Zeit mehr war

Daher betrachte ich diesen Eintrag als den letzten zum "leben-in-indien" und bedanke mich bei allen, die den ganzen Weg mit mir gegangen sind, und auch bei denen, die nur hin und wieder mal hineingeschaut haben. Und wer weiss? Vielleicht lade ich euch schon bald zu einem neuen blog ein, der heisst "leben-in-….".

19.1.16 14:27, kommentieren

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kanthari Talks

Letzten Freitag war der Abschlussanlass im Campus nach drei Tagen voller 'Dream Speeches": jeder Teilnehmer muss 10 Minuten frei über seine Initiative reden, und zwar flüssig und inspirierend, mit einem fesselnden Anfang und merkenswertem Ende.

Danach bleiben sie auf der Bühne und stellen sich 15 Minuten Fragen des Panels. Dort sitzen lokale und wo möglich auch internationale Experten, die sich vorbereitet haben. Dieser Frage-Antwort Teil ist fast noch entscheidender als die Rede. Denn wenn der Teilnehmer zwar gut gesprochen hat, aber nachher nicht beweisen kann, dass er oder sie wirklich vertieftes Wissen hat über den Bereich, in dem er/sie tätig sein will, dann ruiniert das den ganzen Eindruck.

Wir hatten deshalb die letzten sechs Wochen regelmässig den sogenannten "Hot Seat" geübt, verschiedenes Publikum, verschiedene Umgebungen, aber immer ging es um kritische Fragen zu ihrem Projekt. So waren alle dieses Jahr deutlich besser und vorbereitet als letztes Jahr. Auch die Reden waren gut, obwohl wir die Vorbereitungszeit um 2 Wochen gekürzt hatten.

Nach den Reden traf man sich zur Happy Hour im Garten, dann wurde gegessen und die Gäste gingen heim. Am Freitag nachmittag war dann der Festakt, mit Gastrednern und diesmal auch dem ersten kanthari Preis fürs Lebenswerk. Eine alte Inderin, ehemals Nonne, die sich seit Jahrzehnten für die Rechte der indigenen Bevölkerung einsetzt, bekam eine schöne Holzskulptur in Form unseres Logos und bedankte sich in einer engagierten und inspirierenden Rede.

Wir nennen diesen Anlass nicht mehr Graduierung, da der Kurs ja noch 5 Monate weitergeht - allerdings in den jeweiligen Heimatländern. Dies ist der kritische Moment, in dem wir einerseits mit Rat und Tat (Mentoring) und andererseits mit einem kleinen monatlichen finanziellen Beitrag zur Seite stehen wollen. Wenn sie diese fünf Monate gemeistert haben und die ersten Schritte mit ihrer Organisation gegangen sind ist die Gefahr viel kleiner, dass sie resignieren oder doch einen Job annehmen. Ende Mai schicken wir dann die offizielle Graduierung und sie sind ein Teil der kanthari alumni Gemeinschaft.

Nachdem es die ganze Woche immer wieder teils heftig geregnet hatte blieb uns das Glück am Freitag treu: Es blieb den ganzen Nachmittag und Abend trocken, so dass die Musik draussen im Amphi Theater spielen und getanzt werden konnte. Es waren ca. 150 Gäste gekommen, alte und neue Freunde von kanthari, einige Besucher aus Europa und Asien, Familienangehörige unseres Teams etc. Unsere Köche hatten sich wieder selbst übertroffen, es gab verschiedene Stände mit Fisch, Fleisch, Suppe, Gemüse, kleine Omelettes, Dessert…sehr lecker. Helmuth ging so um 23h nach Hause, während ich mit einigen Kollegen noch ein Bad im See nahm - es war sternenklar und der See nach dem vielen Regen schön kühl.

Helmuth reiste am Sonntag nach vier erlebnisreichen Wochen nach Hamburg und ist inzwischen wieder wohlbehalten in der Schweiz angekommen. Und ich sitze wieder einmal in Abu Dhabi im Zwischenstopp und nutze die Zeit für den Blog. Es ist kaum zu glauben, dass 2015 fast schon wieder Geschichte ist. Es war alles in allem ein gutes Jahr, in dem ich mich in meiner Tätigkeit sicherer fühlte, viel Besuch hatte, dreimal in Europa war und kommende Woche Weihnachten mit meinen Kindern und Eltern feiern werde.

Ich wünsche euch allen an dieser Stelle erholsame, harmonische Feiertage und einen guten Start ins 2016. Auf dass es allen globalen Turbulenzen zum Trotz persönlich und beruflich ein gutes Jahr für euch werden möge. Ich geniesse nun drei Wochen Ferien und werde mich im neuen Jahr wieder melden.

17.12.15 22:29, kommentieren

Tempelbesuch

Seit drei Wochen ist mein Vater hier und unterstützt uns bei der Einstudierung der Abschlussreden (Dream Speeches). Seine ersten Eindrücke hat er ja im letzten Gastbeitrag geschildert. Als er hörte, dass einige aus der Gruppe jeden Sonntag Abend in den Tempel gehen, wollte er gern einmal mitgehen. Dies passierte nun heute.

Es gibt staatlich finanzierte und private Tempel. Viele Familien haben einen Tempel, in den seit Generationen alle Familienmitglieder gehen, wie es auch bei uns mit den Kirchen üblich war. Jeder Tempel ist einer der vielen Hundert Tausenden von Gottheiten gewidmet, die den Hinduismus auszeichnen. Man kann sich also seinen ganz persönlichen Gott / seine Göttin aussuchen, je nach deren Charakterzügen und Stärken. In jedem Tempel gibt es aber einen bis viele Nebengötter, die auch dort verehrt werden und kleinere Schreine haben.

Wir besuchten einen kleinen Waldtempel, der 20 Gehminuten vom Campus entfernt liegt. Einer aus dem kanthari Team hat ihn empfohlen, da es eben sein "Familientempel" ist. Man läuft der Hauptstrasse erlang und biegt dann in einen kleinen Lehmpfad ab, der ziemlich steil bergab führt. Es hatte heute geregnet und das ganze war dunkel und ziemlich glitschig. Der Pfad mündet in eine mittelgrosse Lichtung, an der linkerhand ein kleines Häuschen liegt, das wohl der Tempelverwaltung dient. Rechts dann der kleine Tempel mitten unter Palmen und Bäumen, davor ein Brunnen. Die Schuhe werden vor der Lichtung ausgezogen und von nun an spielt sich alles auf dem nassen, lehmigen, aber auch angenehm weichen Waldboden ab.

In diesem Tempel nun findet jeden Sonntag Abend um 18.30h eine sogenannte Puja statt, also ein Gottesdienst. In staatlichen, grösseren, kann dies täglich sein. Man kann wohl vorher den Priester anrufen und eine spezielle Puja bestellen: für die Vorfahren, die Mutter, den Vater, mehr Geld, Gesundheit etc. etc. Eine Liste der üblichsten Pujas hängt zentral an einem Baum wie eine Menukarte im Restaurant. Diese speziellen Pujas kosten in diesem Tempel zwischen 10 und 150Rupien, also 10Cent und 2Euro. Möchte man aber eine ganz spezielle haben, nur für einen allein mit aufwendigen Ritualen und Materialien, kann diese bis zu 200Euro kosten.

Der Haupttempel war in diesem Falle Shiva, eine Art "Zeus" unter den Hindugöttern, gewidmet. Man muss sich diesen Tempel als kleines Häuschen von etwa 4x4 Metern vorstellen mit einem überdachten Plateau für die Vorbereitungen und einem offenen Vorraum. Die Gläubigen versammeln sich vor dem Schrein, in diesen hinein geht nur der Priester. Dieser bereitet die Puja vor, indem er viele kleine Öllampen anzündet und Räucherstäbchen verteilt. Wenn die Helfer mit der Glocke läuten und einer laut in eine Muschel bläst fangen die Frauen mit einem Gesang an, einem monotonen wiederkehrenden Mantra. Dies etwa 10 Minuten. Dann öffnet sich die Tür des Schreins und man sieht die Shivastatue, vielleicht 1m hoch, umgeben von flackernden Kerzen und Öllampen, dazu auch Blumen. Ein Knallkörper wird gezündet, man zuckt zusammen. Der Priester singt nun etwas und schwenkt eine grosse Öllampe im Kreis um die Gottheit herum. Danach trägt er sie hinaus und die Gläubigen können mit den Händen über oder durch die Flammen fahren und sich damit das Gesicht wärmen. Es sieht gefährlicher aus, als es ist und es ist auch nicht heiss, sondern angenehm warm.

Dieser Ablauf wiederholt sich nochmals bei den beiden kleineren Nebenschreinen, einer für Shiva's Gattin Paravati und einer für Ganesh. Peinlicherweise lief ich aber in eine hängende Öllampe hinein und das heisse Fett lief mir ins Haar. Das wurde mir aber zum Glück nicht als mangelnder Respekt ausgelegt. Überhaupt begegnete man uns als Ausländern und klar Nicht-Hindus mit grosser Freundlichkeit und Offenheit.

Danach läuft man über die Lichtung zu einem alten Baum und huldigt anscheinend der Natur. Danach sassen wir eine Weile auf den Steinbänken unter den Bäumen und bekamen ein Stück frische Kokosnuss vom Priester, sehr lecker, wurde gleich gegessen. Wieder zurück zum Haupttempel gab es eine Handvoll Kokosnussmilch, die man rasch schlürfen musste, bevor sie einem zwischen den Fingern hindurchrann. Helmuth hatte da etwas falsch verstanden und schmierte sie sich ins Haar - das erntete nachsichtiges Lächeln und soll ja auch für glänzende Haare sorgen…

Nun ging's aber ums "Geschäftliche". Wenn man keine spezielle Puja wie oben beschrieben bestellt hat, wird ein kleiner Obolus erwartet und man bekommt die Segnung. Erst werden die, die bestellt haben, gesegnet und bekommen, je nach Grösse der Puja, ein Blatt mit Blumen und Sandelholzpaste übergeben. Das wird von den Helfern in Zeitungspapier eingewickelt, damit sie es nach Hause nehmen und vor ihren Hausschrein legen können. Wir übegaben unsere 10 Rupien und bekamen eine kleine Blume, die man sich hinters Ohr steckt und einen Klecks Paste für das Segnungzeichen auf der Stirn (nicht zu verwechseln mit dem Bindi, dem runden Stirnzeichen für Frauen).

Derart beglückt gingen wir wieder zu den Steinbänken und bekamen auf einem Bananenblatt köstlichen süssen Reis serviert, gekocht mit Rosinen, Zimt, Nelke, Kardamom und wahrscheinlich noch vielen anderen Gewürzen. Helmuth und ich hatten nach dem Frühstück nur einen Fruchtsalat am Meer gegessen und hauten richtig rein.

Dann zurück über den Waldboden zu den Schuhen, Helmuth hatte ausgerechnet heute seine festen Laufschuhe angezogen und sich entschieden, die ganze Puja in Socken zu absolvieren. So musste er nun die dreckigen Socken ausziehen und mit nassen Füssen irgendwie in die Schuhe rein. Bei meinen Plastiklatschen ging das natürlich einfacher. Dafür bekam er eine Mitfahrgelegenheit auf dem Motorrad meines Kollegen angeboten.

6.12.15 17:07, kommentieren

Gastbeitrag von Helmuth

Das Auto kam direkt auf uns zu. Unser Rickschaw-Fahrer hielt unbeirrt seinen Kurs, mit genügend Zentimetern Abstand kamen wir aneinander vorbei. Ähnlich Situationen sollte ich in den nächsten vier Wochen noch manches Mal erleben und mich darüber wundern, dass ich keinen Unfall zu sehen bekam und die Fahrzeuge keine Blechschäden haben. Gibt es Indische Götter für den Strassenverkehr?

Nicola hat mich am Flughafen Trivandrum abgeholt. Draußen war die Luft dann doch noch ein wenig wärmer als im Flughafengebäude, aber die anschließende Fahrt mit dem offenen Piaggio-TukTuk war zwar beängstigend, aber kühlend. Trivandrum (Thiruvananthapuram) ist zwar eher eine kleinere Stadt (1 Mio E.), aber der Verkehr kann sich doch sehen lassen. Inzwischen habe ich gelernt, am besten überhaupt nicht auf den Verkehr zu achten, sondern mein Schicksal ganz einfach in die Hände des Chauffeurs zu legen und zu versuchen, mich zu entspannen; sein Wissen, dass der andere, der direkt auf ihn zufährt - bei Nacht besonders prickelnd - schon zur rechten Zeit ein paar Zentimeter ausweichen wird, stammt wohl aus langer Erfahrung.

Im Campus der Kanthari-Stiftung bin ich auf viele neue Gesichter getroffen: „Lehrkörper“, Kurs-Teilnehmer (Mai bis Dezember), Hauspersonal, so an die 40 Menschen; ich bin immer noch daran, mir die vielen exotischen (Vor-)Namen und Gesichter aller Hautfarben einzuprägen. Es herrscht eine zwar arbeitsame, aber doch entspannte, lockere Stimmung. Der Eifer aller Beteiligten, etwas zu schaffen, in der begrenzten Zeit zu erreichen , ist mit Händen zu greifen.
Dreimal am Tag wird (warm) im Auditorium gegessen, viel Reis, Gemüse, appetitlich angemacht. Keine alkoholischen Getränke. Für mein leibliches Wohl ist also gut gesorgt.
Nicolas’ Domizil ist fünf Gehminuten vom Campus entfernt, so dass ich mittags bequem zu meiner Siesta heimkehren kann.
Die Hitze ist erträglich, besonders, wenn die Sonne nicht scheint. Dann haben wir kaum mehr als 27°, mit Sonne allerdings über dreißig. Das Wasser des großen Vellayani-Sees, direkt am Campus gelegen, hat wohl an die 26°, ist aber doch eine Wohltat. Abends (nach der Arbeit) sind wir meist zu mehreren am Schwimmen.
Am Wochenende war ich mit Nicola am Meer. 30 Minuten Rickshaw-Fahrt von hier liegt der (Bade-)Ort Kovalam, lange Strandpromenade, viele Restaurants, natürlich mit allen Arten von Fischen und Meeresgetier im Angebot, außerdem viele Andenken- und Stoffläden mit den tollsten Stoffen in allen Farben. Da haben wir dann erstmal unsere Käufe und Aufträge erledigt, anschließend lecker Fisch gegessen und der Brandung zugesehen und zugehört. Bier gibt’s - unter dem Tisch eingeschenkt - in Kaffeebechern serviert, die Restaurants haben keine Alkohol-Lizenz, wohl zu teuer.
Ich sitze in meinem gegenwärtigen Feriendomizil am Tisch, der Fan dreht seine Runden an der Decke und ich schwitze vor mich hin, an den ständigen Schweißfilm auf der Haut kann man sich gewöhnen. Draußen keckern die Vögel.
Etliche der Kurs-Teilnehmer gehen übers Wochenende nach Kochin, ich sollte auch mit, habe aber was Besseres vor: Ende der Woche kommt Till aus dem Internat und bleibt ein paar Tage hier, um dann in die Schweiz zu reisen (Herrliberg / Solothurn).
Dann werden wir , falls er nicht die ganze Zeit schläft, mit ihm noch einmal nach Kovalam, um die geschneiderten Sachen abzuholen und uns im Liegestuhl an den Strand zu legen, das Meer zu schmecken und gut zu speisen. –
Inzwischen waren wir dort, ohne Liegestuhl, es hat geregnet, aber das Meer ist und bleibt ein Erlebnis.
Helmuth

29.11.15 09:16, kommentieren

Religion, Politik und Architektur

Wer sich fragt, was diese drei Begriffe miteinander zu tun haben: sie bestimmten mein Wochenende. Am Freitag Nachmittag hatten wir eine Premiere bei kanthari, einen inter-religiösen Dialog. Angeregt durch unsere Teilnehmerin aus dem Nachbarland mit P., die ja in diesem Bereich tätig werden möchte, haben wir je einen Vertreter der drei grossen Religionen eingeladen, die in Indien praktiziert werden: einen islamischen Gelehrten, einen christlichen Priester und einen hinduistischen Mönch.

Die drei haben zuerst während 15 Minuten Ihre Religion eingeführt und dann mit uns diskutiert, wie diese zu sozialen Veränderungen steht - dies ist ja unser Fokus. Als öffentliche Institution müssen wir religions-neutral sein. In einer Zeit, wo in Indien Muslims wegen Fleischverzehrs (Kühe!) umgebracht oder verfolgt werden wollten und mussten wir auch sicherstellen, dass wir in keinster Weise Anlass zu der Vermutung geben, wir würden Stellung beziehen und gar unsere Teilnehmer beeinflussen.

Der Pater begann und legte in einer sehr strukturierten Rede die verschiedenen Strömungen des Christentums dar, präsentierte sich aber auch als sehr liberal. Er sprach gut, deutlich, aber klang halt doch etwas wie von der Kanzel. Dann der Islamwissenschaftler - er stand auf und redete feurig und in einem Rutsch, war aber etwas wenig klar und strukturiert. Auch er vermittelte das Bild eines offenen, moderaten Gelehrten. Er scheute sich nicht, die momentanen Probleme mit Fundamentalisten anzusprechen. Zuletzt ergriff der Hindu das Wort. er begann mit einem gesungenen Mantra und hatte uns natürlich gleich im Griff. Er war dann aber auch so witzig, rhetorisch gewieft und dabei bodenständig, dass er deutlich am meisten Applaus erhielt und seine Rede auch am nachhaltigsten im Gedächtnis blieb. Alle drei Reden waren aber für mich als religiös ziemlich unbelecktes Gemüt sehr lehrreich.

In der Fragestunde wurde der Bezug zu sozialen Realitäten und Problemen hergestellt: Jeder Glaube in Bezug auf Agnostiker, Unterdrückung, Bildung, Veränderung generell, gemischte Ehen etc. Alle drei erwiesen sich als flexibel und auch ehrlich, was die Schwachstellen ihrer jeweiligen Institution angeht. Es war ein interessanter Nachmittag.

Am Samstag boten wir den Teilnehmern einen fakultativen Ausflug an. Es ging zu dem Architekturbüro, das unseren Campus gebaut hat und das einzige Büro ist, das strikt nach den Regeln des visionären britisch-indischen Architekten Laurence Baker (1917-2007) baut. Dieser entwickelte für und zusammen mit Mahatma Ghandi eine günstige und ökologisch gesunde Bauweise, die alte Techniken einbezieht, optimal für das jeweilige Klima ist und nur mit regionalen Baustoffen arbeitet. Wir besuchten einige Projekte, unter anderem eine Slumüberbauung in Trivandrum. Hier wurden einfache Blechhütten abgerissen und durch fast dreieckige Backsteinhäuser mit kleinen Wohnungen für 20 Familien ersetzt. Jede Wohnung hat, da in der Schräge des Dreiecks gelegen, auch einen Aussenbereich, der bei Bedarf in Wohnraum umgewandelt werden kann.

Und Politik spielt seit einigen Wochen eine grössere Rolle, da nun nach den Wahlen nach und nach die Ergebnisse bekanntgegeben werden. Als wir am Samstag mit dem Bus in die Stadt zu eben dem Architekturbüro fuhren, wurden wir immer wieder von jubelnden Parteianhängern aufgehalten, die je nach Gesinnung grosse rot-weisse Fahnen mit Sichel schwenkten oder aber solche mit der stilisierten Lotusblüte der BJP. Sie bejubelten Gewinne in der Gemeinde, aber mit solch einer Begeisterung, dass ich mir davon ein wenig für die europäische Jugend wünschte.

Leider geht die Begeisterung einher mit der Freude an Feuerwerk - es knallt seit Tagen (und Nächten!) und dies geht nun nahtlos über ins morgen anstehende Diwali Fest, Fest des Lichtes eigentlich, aber eben auch des Knallens.

9.11.15 15:37, kommentieren

Wahlen in Kerala

Und wieder sind die Plakate an jede Mauer geklebt mit erstaunlich vielen Frauengesichtern drauf, kommunistischen Symbolen und einem siegessicheren Modi neben den lokalen Kandidaten. In Kerala stehen morgen Wahlen an, es wird heftig diskutiert, ob die Kongresspartei ihre Vormachtstellung halten oder an die Kommunisten abgeben muss. Modi's BJP hat hier einen schweren Stand, seine national-konservative Politik mit den unterschwelligen oder manchmal auch explizit fundamental-hinduistischen Zügen kommt im Süden nicht so gut an, wo man das Zusammenleben der immerhin drei grossen Religionen Islam, Christentum und Hinduismus ziemlich erfolgreich praktiziert.

Aber die BJP propagiert grosse Prestigeprojekte wie den Hafen in Trivandrum - ich hatte davon geschrieben - und das verfängt natürlich in den ärmeren Regionen, in denen sich in den letzten Jahren nicht viel verändert hat. In den letzten Wochen fuhren selbst in unserer kleinen Strasse täglich Jeeps mit Lautsprechern auf dem Dach im Schritttempo vorbei, manchmal bereits morgens um 6Uhr. Diese plärren vor sich hin und versuchen zwischen den Wahlparolen auch mit flotten Bollywood Songs die Wähler zu begeistern.

Zwei Dinge fielen uns nun in den letzten Tagen auf: erstens gibt es keine elektronische oder Briefwahl, man muss in persona in seinem Heimatort erscheinen. Ca. die Hälfte unseres Teams kann daher nicht stimmen gehen. Dies, so nehmen wir an. führt bei den mobilen Keraliten, die nicht mal eben für ein Wochenende nach Hause fahren können, zu tiefer Wahlbeteiligung und damit vielleicht auch zu Vorteilen für die eher traditionellen, etablierten Parteien, da es v.a. die Jungen sind, die fern von zuhause arbeiten.

Und zweitens wollten wir gestern Abend in einer Gruppe von 10 Leuten in unsere "Stammbar" im nächstgelegenen Hotel fahren, ein Bier trinken und Billard spielen - und standen vor verschlossenen Türen: zwei Tage vor der Wahl gibt es in ganz Kerala keinen Alkohol zu kaufen! Auf dass morgen nüchterne Entscheidungen getroffen werden! Alles Argumentieren, dass wir Ausländer sind und nicht stimmen, dass wir auch bei einem Wässerchen Billard spielen würden half nichts - die Bar blieb verschlossen.

So lud ich denn die Gruppe zu mir nach Hause ein und wir teilten uns die letzten Biere, Wein und Rum, die ich noch hatte. Drink gut - Alles gut sozusagen.

1.11.15 17:04, kommentieren

Beim Zahnarzt

Ich denke, mein wunderbarer indischer Zahnarzt kam hier schon einmal zur Sprache. Er hat mir ja bei einem ersten Check vor eineinhalb Jahren die sämtlichen Versäumnisse meines Schweizer Zahnarztes aufgezählt und mir sogleich einen finanziellen Überblick gegeben, was es hiesse, das alles zu beheben. Unter den dringenderen Massnahmen war damals auch eine Krone, um meinen "stillgelegten" Backenzahn abzudecken und zu schützen.

Obwohl mir seine Erklärung - der Zahn würde spröde und könnte, wenn nicht überkront, leicht brechen - einleuchtete, war ich 12 Jahre gut ohne Krone gefahren und sah somit keine Not, dies sofort machen zu lassen. Seitdem bin ich denn auch nur zweimal zur Zahnhygiene dort gewesen. Seit einigen Tagen fiel mir aber bei der abendlichen Zahnseideprozedur auf, dass die Seide neuerdings an dem Zahn hakte. Bevor mich dies weiter beunruhigen konnte, fiel gestern beim Frühstück plötzlich ein Teil des Zahnes heraus und hinterliess eine Lücke wie auch eine scharfe Kante.

Ich rief sofort Dr. Ksabi an, der mir heute Freitag - trotz Feiertag - einen Termin gab. Bis gestern Abend hatte ich mir beim Sprechen und Essen die ganze Zunge wundgeschnitten und lispelte richtig, weil sie auch geschwollen war, sehr unangenehm. Beim abendlichen vorsichtigen Putzen fiel dann gleich nochmals ein Zahnsplitter heraus, so dass ich heute ziemlich beunruhigt zu ihm fuhr und Angst hatte, der ganze Zahn müsse heraus.

Falls ich die Klinik noch nicht beschrieben habe, tue ich das hiermit gerne nochmals: Sie liegt in einem Geschäftsviertel in einem unauffälligen Gebäude im Erdgeschoss. Eine grosse Tafel mit dem unübertrefflichen Namen "Dr. Kashi's Ashwathis Super Speciality Dental Clinic" säumt die Tür. Man zieht, wie in Indien üblich, seine Schuhe vor dem Eingang aus und betritt den spiegelnden Steinboden des klimatisierten Wartebereichs. Hier stehen grosse Ledersofas und -sessel bereit, das Licht ist gedämpft, Musik läuft, Zeitungen auf dem Tisch. Man meldet sich bei der netten Empfangsdame an und merkt mit Vorteil an, dass man später noch einen Termin habe und um soundsovielte Uhr wieder gehen müsse.

Ich muss es leider sagen: als Ausländer wird man fast sofort in die Behandlungsräume gebeten, ob das an der speziellen Terminvereinbarung oder tatsächlich an positiver Diskriminierung liegt, weiss ich nicht. Dr. Kashi ist ein mittelgrosser, sympathischer Mann in den Dreissigern. Er sah sich die Bescherung an und hatte leider nicht die Souveränität, mich nicht auf seine frühere Warnung hinzuweisen. So musste ich ihm also recht geben und auch zugeben, seinen Rat nicht wirklich ernst genommen zu haben. Er meinte, ich habe Glück im Unglück gehabt, da nur ein Drittel des Zahnes weggebrochen sei und zwar vertikal. Ein horizontales Auseinanderbrechen führt zum Verlust.

Er hat erst einmal ein Röntgenbild gemacht, um zu checken, ob die Wurzelbehandlung auch wirklich gut und vollständig gemacht wurde. Ich wurde in den Nebenraum geführt, Röntgenbild geknipst und bis ich wieder auf meinem Stuhl sass hatte Dr. Kashi das Bild bereits auf dem Bildschirm am Behandlungsstuhl. Vielleicht kennt ihr das auch von euren Zahnärzten, bei meinem jedenfalls kamen nach ca. 15 Minuten Warten kleine Bilder, die an ein Leuchtpult geklippt wurden.

Ich war dann richtig erleichtert als er urteilte, dass mein Schweizer Arzt wenigstens DAS richtig gemacht hatte, also konnte Dr. Kashi loslegen: erst füllte er den Drittel des Zahnes auf, dann schliff er den Zahn ab und machte einen Abdruck für die Krone. Dafür wurde auch Form und Farbe der Krone festgelegt. Zuletzt wurde eine provisorische Krone draufgesetzt.

Nach jeder Behandlung wird man ins Chefbüro gebeten. Grosser Schreibtisch, bequeme Sessel, Urkunden an der Wand. Dr.Kashi erklärt die Behandlung und ich konnte zwischen verschiedenen Kronentypen und Herstellern wählen. Er macht eine Kostenaufstellung und kaum hat man zugestimmt, wird man von den beiden netten Damen im Vorzimmer zur Kasse gebeten.
Ich werde kommende Woche nochmals gehen, die finale Krone bekommen und auch eine Reinigung machen lassen. Das Ganze zusammen kostet mich dann knapp 300CHF. Für alle Indienbesucher vielleicht ein Anreiz, grössere Behandlungen hier machen zu lassen…?

Um etwaigen Fragen vorzubeugen: Ja, meine Haare wachsen munter und unten seht ihr den Unterschied zwischen frisch rasiert und einer Woche Nachwuchs. Ich bin Profi im Turbanbinden geworden, hab einen neuen Hut und finde, dass dies meinen ganzen Stil verändert.



1 Kommentar 24.10.15 10:20, kommentieren