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Vellayani Amigos

Ich habe schon mehrfach unsere sogenannten "Halbstarken" erwähnt, eine Gruppe junger Männer, die in unserer Nachbarschaft wohnt, teils sicher arbeitslos ist und sich allabendlich nicht weit vom Campuseingang trifft. Sie sind immer freundlich, wünschen auf Englisch einen guten Abend/Morgen und sorgen an Feiertagen auch für Strassenschmuck - ich hatte die Blumenbilder zu Onam und auch mal eine schöne Krippe zu Weihnachten hier im blog gezeigt.

Ich weiss nicht recht, wie sich das Thema Fussball zwischen meinem Englischen Kollegen und ihnen ergeben hat - Tatsache ist, dass der Entschluss gefasst wurde, im Sinne der Nachbarschaftshilfe ein örtliches Fussballteam zu gründen und zu unterstützen. Mein Kollege hat mehrfach in seinem Leben Fussballteams gecoacht und sich mit Begeisterung in diese neue Aufgabe gestürzt. Ihm zur Seite stehen nicht nur zwei fitte Afrikanische Teilnehmer, sondern auch eine Afrikanische Teilnehmerin und unsere junge (blonde) Deutsche Volontärin.

Am Anfang überwog bei uns die Skepsis: wir dachten, die jungen Männer würden nach ein paar anstrengenden Trainingseinheiten langsam aufgeben oder nur darauf warten, ein Trikot gesponsert zu bekommen, aber dem ist nicht so: Seit rund zwei Monaten sind sie zweimal in der Woche am Trainieren - am Mittwoch abends in der Nähe auf dem Gras, bis der Coach nach Sonnenuntergang nur noch Schatten umhergeistern sieht. Und am Samstag morgens um 7h am Beach mit zwei richtigen Toren. Ein Trainingsgelände zu finden, stellte sich fast als schwierigste Aufgabe heraus, überall hier ist es uneben, der viele Regen tut ein Uebriges zum Boden und Fussball gehört sowieso nicht zu den favorisierten Sportarten der Inder.

Die Fitness der Spieler stellte sich als sehr unterschiedlich und generell als nicht sehr gut heraus - wie auch, wenn man v.a. rumsitzt oder mit dem Motorrad herumfährt. Mit einem harten Training ist aber anscheinend echter Fortschritt zu spüren. Dieser war am grössten, als wegen diverser Verpflichtungen meines Kollegen die beiden Damen das Training für zwei Wochen übernahmen und dabei fantastische Erfolge vorwiesen. Dies wurde dem Coach und seinen männlichen Helfern natürlich genüsslich unter die Nase gerieben.

Die Spieler waren so schlau, gleich zu Anfang ein lokales Turnier zu erwähnen, in dem sie gerne mitspielen würden. Erst hiess es Ende September und setzte den Coach ganz schön unter Druck, dann Mitte Oktober und inzwischen redet keiner mehr von einem genauen Datum. Tatsache ist aber, dass die Mannschaft eine Ausrüstung braucht. Die ersten Bälle wurden von unserem Schweizer Gast-Catalyst gespendet, für weitere 5 wurde im kanthari Team gesammelt. Dann aber kam das Thema des Trikots. Und damit das des Namens. Die Spieler selber haben von Anfang an auf dem Namen "Amigos" bestanden. Warum spanisch, blieb uns sozusagen spanisch, irgendeiner hatte herausgefunden, dass dies "Freunde" heisst und das gefiel ihnen. Wir konnten sie aber davon überzeugen, dass Fussballteams normalerweise einen lokalen Bezug haben, v.a. wenn sie an Turnieren teilnehmen und verortet werden sollen. Nach einigem Hin und Her war also der Name "Vellayani Amigos" geboren, auf unseren schönen See verweisend.

Und plötzlich sah ich mich in der Rolle, dass ich abends Fussballtrikot- und -hosenschablonen aus dem internet herunterlud und diese nach den Wünschen der Herren designte. Dass ich zwar in der Designbranche gearbeitet habe, selber aber keine Designerin bin kümmert hier keinen - es war ein klarer Job für mich. Ein halbes Dutzend Vorschläge später verabschiedeten die jungen Herren schliesslich eine schöne schwarz/weiss-Lösung, vorne mit ihrem Namen, hinten mit kanthari-Logo, Nummer und dem neu erfundenen Slogan "Game Changer" (etwa Spielveränderer).

Dazu auch eine schöne Geschichte: da wir meinten, wegen des Turniers unter Zeitdruck zu stehen rief ich einen Wettbewerb unter meinen Kollegen aus zur Kreation eines Slogans, der sowohl zu kanthari wie auch zu Fussball passt - Gewinn eine Tafel Schokolade. Die Teilnahme war gross, vom Koch über Elektriker bis zum Catalyst wurden Zettel eingereicht. Es stellte sich aber heraus, dass alles, was unser Muttersprachler so hervorbrachte von den Indern total falsch verstanden wurde (z.B. verwechselten sie die Bedeutung von "kick off" mit "kick out"), und das, was von unseren Indern verstanden wurde, ein haarsträubendes Englisch war (etwa "Kick to Goal"). Ich rief eine unabhängige Jury zur Hilfe (Sabriye, Paul und ein neuer Mitarbeiter) und die einigten sich schliesslich auf "Game Changer". Dies war mein Vorschlag, so dass die Schokolade zuhause blieb

Inzwischen werden die Trikots fabriziert, Sponsoren dafür sind gefunden worden. Wir suchen noch Fussballbegeisterte, die die Schuhe sponsorn würden: für alle zusammen nur 100Euro… Die ganze Ausrüstung für 15 Spieler kostet hier nur 300Euro. Und dann warten wir auf das erste richtige Spiel, in dem die Jungs sich an anderen lokalen Teams messen müssen und wir endlich wissen, wie gut sie wirklich sind.
Sie revanchierten sich übrigens für unser Engagement, indem sie am vergangenen Anlass 'kanthari Bytes' nicht nur vollständig erschienen, sondern auch eine tolle Tanzeinlage boten.

18.10.15 14:31, kommentieren

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kanthari Bytes

Samstag
Ich muss doch sagen: selten habe ich so viele (unterschiedliche) Reaktionen auf einen blog bekommen wie auf den letzten….wusste ich doch, dass ich euch mit einer simplem Scheraktion aus dem Häuschen locken kann…..

Seitdem ist eine Woche vergangen und ich gewöhne mich langsam an das freie Gefühl, die kühle Brise auf der Kopfhaut und das schöne Duschen mit Kopfeinschäumen und -abspülen in 3 Sekunden. Erst war die Kopfhaut wie etwas taub (auch geschockt?), aber nun fühlt sie sich besser an, glatter, durchbluteter. Ich muss mir immer wieder über den Kopf streichen, so eigenartig ist es. Und nachdem ich ursprünglich dachte, mein Kopf sei zu klein oder nicht gut geformt für diese Aktion muss ich nun sagen, dass ich finde, es steht mir nicht schlecht.
Ich werde die Stoppeln morgen nochmals rasieren, damit die Haut noch etwas Sonne tanken kann, bevor ich die Haare dann wachsen lassen werde.

Leider hatte ich es versäumt, mir einen Vorrat an leichten Hüten zuzutun. Da wir letzte Woche viel Besuch hatten und heute ja der Abschlussanlass des 3. Aktes ansteht habe ich mich also fast jeden Morgen mit Turbanbinden befasst. Eigentlich ganz einfach, nur um den Kopf gewickelt und sogar die glatteste Seide hält. Leider ist es dann so warm wie vorher mit den Haaren, so dass ich mich darauf freue, etwas längere Stoppeln offen zur Schau tragen zu können. Mein Kollege meinte zudem, ich sähe aus wie ein Jar, eine Art Sikh mit einer speziellen Art, den Turban zu binden. Und religiöse Komplikationen möchte ich nun wirklich nicht provozieren.

Die Reaktionen - hier auf dem Campus wie auch zuhause - waren im übrigen sehr unterschiedlich. Der eine oder die andere hat sich als ebenfalls von einem Kahlschlag Träumende/r geoutet, andere natürlich sahen nur das Fehlen der Haare, nicht die gewonnene Freiheit oder den Reiz des Experimentes. Aber in einem Land, wo lange Frauenhaare fest zum Schönheitsideal gehören, haben sich die meisten meiner indischen Kollegen höflich zurückgehalten, weil sie sonst wahrscheinlich ihr Entsetzen hätten zum Ausdruck bringen müssen.

Heute nun erwarten wir an die 150 Gäste, 60 davon Kinder, die mit uns den Abschluss des 3. Aktes feiern werden. Die Kinder haben sich Wochen darauf vorbereitet und werden mit verschiedenen Stilmitteln (Theater, Gesang, Gedichte, Mimik) Themen vorstellen, die ihnen am Herzen liegen. Dies sind in Indien Themen wie Kinderarbeit, Ausgrenzung wegen Hautfarbe, Abfall, Essen und Gesundheit und last but not least die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Ein Teil unserer Gruppe hat dies mit ihnen entwickelt. Die anderen Gruppen werden die Ergebnisse ihrer Projekte vorstellen: den kanthari Eco Garden, Anti-Plastik und Hautfarben Kampagnen und den online Shop.

Gestern haben wir in den Teams den ganzen Akt bewertet und es war bemerkenswert, was da über Kommunikation, Teamarbeit und Führungsstile gelernt wurde. Die alleinige Verantwortung und unsere Zurückhaltung, die zu diversen Fehleinschätzungen und -entscheidungen führte, war extrem lehrreich.

Zwei Gruppen hatten zwei Projekte zu bearbeiten. Die eine entschied bereits nach kurzer Diskussion, sich zu teilen und die beiden Aufgaben autonom zu bearbeiten. Das klappte gut, führte aber auch zu Spannungen in der Gruppe, da die Kommunikation nicht so ganz klappte. Die andere (meine) Gruppe wollte alles zusammen machen. Je nach Aufgabe teilten sie sich auf. Das war phasenweise natürlich sehr chaotisch und auch nicht sehr effizient, aber letztendlich haben sich alle Gruppenmitglieder mit beiden Projekten voll identifiziert und der Team Spirit blieb voll erhalten.

Sonntag
Der Anlass war super, das Wetter hat mitgespielt und den Regen der vorangegangenen Tage ausgesetzt. Die Kinder waren erstaunlich, viele kleine Talente und auch ihr Englisch war sehr gut. Alles lief wie am Schnürchen und um 19 Uhr war schon wieder alles aufgeräumt und es gab Abendessen. Wir vom Catalyst Team haben eine grosse Torte (Schwarzwälder Kirsch!) spendiert. Danach sind 12 Teilnehmer und Catalysts ins nächstgelegene Hotel gefahren, das ein Bar hat, und haben noch eine Runde Bier getrunken und - was mir besonders Spass macht - Billard gespielt.

Jetzt um 21 Uhr sitze ich schon in einer kleinen Pension in Varkala, einem Badeort ca. 1 Zugstunden von Trivandrum. Bis Mittwoch bleibe ich, werde viel schlafen und mein letztes dickes Buch anfangen. Morgen kommen Claudia und Enrique dazu, sie haben die letzte Woche eine kleine Rundreise in Südindien gemacht und fliegen am Donnerstag schon wieder zurück. Kommenden Montag fängt dann der 4. Akt an, der letzte in Indien. Der finale 5. Akt ist die Implementierung der Initiativen zuhause.


11.10.15 17:35, kommentieren

Haarpracht und Haartracht

Als blogger hat man es nicht einfach. Jedesmal, wenn ich einlogge wird mir die Rangliste der beliebtesten blogs vor die Nase gehalten und mir klargemacht, dass meine Konkurrenz nur einen Mausklick weiter ist. Da muss man sich eben etwas einfallen lassen, um die internationalen Leser bei der Stange zu halten

Ich habe mich heute also unters Messer begeben: Meine Haare sind ab, und zwar sämtlich und total. Ich haben mir eine Glatze rasieren lassen, etwas, was ich schon lange mal tun wollte, einfach, um zu sehen, wie es ist und sihc anfühlt. Und hier in Indien wird einem nicht sogleich eine tödliche Krankheit, sondern eher gelebte Spiritualität unterstellt. Leider hatte ich dieses Vorhaben wohl etwas zu glaubwürdig angekündigt, so dass sich kein Wettopfer fand, dagegenzuhalten und etwa mitzurasieren.

Viele unserer v.a. afrikanischen Teilnehmer rasieren sich ihre Köpfe regelmässig und einer von ihnen hat also einen kleinen Salon jeden Sonntag auf der Terrasse, da er die begehrte Schermaschine mit verschiedenen Aufsätzen besitzt. Als ich nun mit meinem Vorhaben ankam, war er erst nicht sicher, ob dies wohl eine Falle ist und er seinen Kursplatz in Gefahr bringen würde, sollte er mitspielen. Ich habe versichert, dass dies privat und auf eigenes Riskio geschehen würde und los ging's.

Erst hat er mit der grossen Schere grob die langen und warmen Haare abgeschnitten (Bilder der drei Schritte unten), dann mit dem groben Scherkopf ca 5mm lang abrasiert und dann nochmals mit dem feinen kopfnah. Dennoch fühle ich Stoppeln, wenn ich darüberstreiche. Um einen ganz glatten Schädel zu haben, muss ich wohl richtig mit der Klinge rasieren, vielleicht mach ich das noch kommende Woche. Zuerst aber: herrlich kühl, unbeschwert, leicht. Meine Kopfhaut war immer trocken und schuppig und wird mir diese Aktion sicher danken.

Heute Nacht werde ich auf einem Frotteetuch schlafen, da ich den Schädel erst einmal auf Anraten der erfahrenen Männer im Campus mit Koskosnussöl eingeölt habe. Morgen dann versuche ich mich im Turbanbinden, da ich sonst den wohl schmerzhaftesten Sonnenbrand meines Lebens einfange. Ich wollte jede Woche das Nachwachsen fotographisch festhalten, aber vielleicht bleibe ich noch ein wenig bei der Glatze. Bis im Winter habe ich wieder genug Haare auf dem Kopf, um in der kalten Schweiz bestehen zu können…





4.10.15 17:28, kommentieren

Tag der Deutschen Einheit

Vor zwei Wochen kam eine nette Einladung des hiesigen Goethe-Instituts zu einem 3. Oktober-Anlass am 'Pool'. Ich stellte mir eine entspannte Pool Party vor, Meeresrauschen im Ohr, wo deutsches Bier und Essen gereicht wurde und man vielleicht noch den einen oder anderen deutschen Expat kennenlernen könnte.

Als ich gestern die Einladung nochmals genau las stellte ich fest, dass das Hotel, das ich in Kovalam, also am Strand gewähnt hatte, in der Stadt lag (gehörte zur gleichen Kette). Also kein Meeresrauschen. Mein Kollege Graham, der sich netterweise bereit erklärt hatte, mitzukommen, und ich fuhren also durch den Feierabendverkehr (hier wird am Samstag gearbeitet!) zu dem 5 Sterne Hotel, wo uns mannshohe Mercedes Poster begrüssten: der Hauptsponsor des Anlasses.

Es war nun schon 19.30h und wir waren hungrig. Von Bier und Essen aber keine Spur, vielmehr waren um die 100 Gäste in einem unterkühlten Hotelsaal versammelt, um sich verschiedenste Reden anzuhören. Eben gerade bedankte sich der Leiter des Goethe Instituts mit vielen, sehr emotionalen Worten für eine Auszeichnung, die er wohl gerade erhalten hatte und die nun an seinem Revers baumelte.

Hinter ihm auf der Bühne war ein grosses Banner gespannt zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung, eingerahmt nochmals von Mercedes. Danach sprach ein Keralischer Minister erfrischend unbekümmert von seiner ersten Reise nach Berlin, wo ihn ein Kollege doch tatsächlich gefragt habe, was das eigentlich immer solle, das Gerede von der Berliner Mauer, er habe sie jedenfalls bisher noch nicht gesehen.

Als dieser Herr vom Pult wegtrat waren wir sicher: jetzt kommt der kulinarische Teil des Abends. Aber nein, die Dame des Goethe Instituts, die mit strengem deutschem Akzent und wenig Inspiration durch den Abend führte, kündigte das musikalische Rahmenprogramm an: ein Duo bestehend aus einer Schweizer (!) Sängerin und einem Deutschen Schlagzeuger, die uns sicher mit ihrer Energie und ihrem Jazz begeistern würden. Ich schlich mich kurz aus dem Saal, um mich zu vergewissern, dass irgendwo tatsächlich Essen angeboten werden und sich das Warten lohnen würde und wurde vom Buffetmeister informiert, dass sie die Gäste in 30 Minuten erwarteten.

Zurück im Saal boten die beiden Musiker eine höchst ungewöhnliche Vorstellung: Sie sang weniger, als dass sie Geräusche von sich gab und ihr Partner trommelte dazu auf vielen unterschiedlichen Gegenständen. Die Inder sassen mit stoischen Gesichtern auf ihrem Platz und hielten das vielleicht für typisch deutsche Musik. Ich fand die Wahl der Einlage äusserst gewagt für das sicher eher traditionelle Publikum. Die 'Musik' gefiel mir überhaupt nicht, war zu experimentell, der Rahmen falsch, der Kontext nicht gegeben. Höflicher Applaus.

Dann, endlich, die Aufforderung, ans Buffet zu treten. Dort eine abenteuerliche Mischung aus "deutschem" und indischem Essen. Deutsch in Anführungszeichen, weil es eher indisch auf deutsche Art gekocht war: Kartoffelsalat mit Babykartoffeln (sehr lecker), Hackbällchen in Sahnesosse, Birnenauflauf. Alles gut, aber wo war das Bier? Wir suchten und fanden es schliesslich in der angrenzenden Bar: hier Alkohol und kein Essen, drüben nur Essen und Wasser. So ist das in Kerala, kein ungezwungenes Verhältnis zu Alkohol.

In der Bar, beim indischen! Bier, trafen wir dann auch auf ein paar nette Menschen, neben dem Konsulpaar aus Bangalore, das wir schon mehrfach bei uns in kanthari begrüssen durften auch ein paar andere Deutsche, die aus verschiedenen Gründen in Indien hängengeblieben sind.

Nach dem Bier sind wir dann zurück zum Campus und haben uns über diesen etwas surrealen Abend gewundert, der irgendwie so gar nicht deutsch und dann doch wieder sehr deutsch war.

4.10.15 17:27, kommentieren

Elternwoche, Pilgertrekking und Lesereise

Letzte Woche war Elternwoche in Till's Schule. Dieses Jahr besonders wichtig, weil auch besprochen wird, wie es denn weitergeht nach der Schule und sich internationale Colleges präsentieren. Zum Glück waren die Rückmeldungen der Lehrer durchwegs positiv und Till ist auch motiviert, gute Vornoten zu bekommen. Die IB (international Baccalaureate) Tests beginnen bereits jetzt im November, für ihn mit speziellen Aufgaben in seinen drei Leistungsfächern Chemie, Wirtschaft und Kunst.

Kodaikanal präsentierte sich von seiner sonnigen und milden Seite, ich brauchte keine Jacke und keine Socken! Till und ich haben jeden Abend einen gepflegten Apero in der einzigen Bar des Ortes im Carlton Hotel genommen, danach nach seinen Wünschen in verschiedenen kleinen Restaurants gegessen. Sein Wunsch ist einfach: NICHT indisch! Um 21Uhr musste er im Dorm sein.

Als ich am Sonntag mit dem Bus abfuhr kam uns eine Prozession aus Dutzenden von Wagen mit Ganesh-Figuren entgegen, dem Elefantengott. Diesen Monat werden die Figuren überall ausgestellt, ihnen wird gehuldigt, bevor sie ins Wasser gestellt werden, um dem Spender Glück und Wohlstand zu bescheren.

Gestern war hier ein muslimischer Feiertag. Während die Teilnehmer eifrig in ihren Projekten arbeiteten haben wir Catalysts uns den Tag freigenommen. Meine Kollegin Soni hatte eine Gruppe von indischen Studenten zu Besuch und wollte mit ihnen einen Berg besteigen, eine Pilgerstätte. Wir haben uns kurzerhand angeschlossen, um 8Uhr gings los mit dem kanthari-Büsschen, um 9.30Uhr standen wir am Fusse des Berges, der zu den West Grats gehört, von denen ich als Grenze zwischen Kerala und Tamil Nadu schon berichtet habe.

Eine grosse Kirche markierte den Ausgangspunkt und in Falllinie ca. 1000m höher sahen wir ein grosses weisses Kreuz - unser Ziel. Nachdem ich mich noch laut über "Berge" in Indien amüsiert hatte musste ich nun feststellen, dass genau so - in Falllinie - dann auch der Weg nach oben führte. Erst noch geteert, dann wenigstens flach, nach einem km aber leider in grossen Stufen den Fels hinauf. Alle 100m fand sich irgendein Kreuz oder eine Marienstatue, die den Pilgern den Aufstieg versüssen soll.

Teils auf allen vieren kraxelnd und immer öfter pausierend brauchten wir knapp zwei sehr schweisstreibende Stunden bis oben. Jedes Jahr bewältigen anscheinend Tausende von Pilgern diesen Berg, als Inder meistens in Plastiklatschen! Wie es Alte schaffen, die teils steilen, rutschigen und bröckelnden Stufen zu bewältigen, ist mir ein Rätsel.

Oben Pause und siehe da: auf gleicher Höhe ca. 300m Distanz liegt auch ein Hindutempel. Von dort sind die Bilder unten. Anscheinend teilen sich die Christen und Hindu den Berg einträglich, Soni berichtete, dass kaum einer, der oben ist, nur eines der beiden Gotteshäuser besucht.

Wie jeder Schweizer weiss, ist es oft einfacher, nach oben zu klettern, als einen steilen Weg nach unten. Die Knie schmerzten schon nach den ersten Metern und schlotterten richtiggehend, als wir unten ankamen. Allerdings hatten wir den richtigen Riecher, ohne Pause durchzulaufen. Kaum waren wir unterm schützenden Kirchendach, brach ein Gewitterregen los, der die nach uns kommenden Studenten bis auf die Haut durchnässte. Und es kühlte schnell ab, ich habe einen leichten Schnupfen davongetragen. Danach gab es ein Mittagessen bei Soni und ihrer Familie, bevor wir zurückfuhren. Trotz Erkältung, ein schöner Ausflug!

Paul und Sabriye touren derweil durch Deutschland und promoten das neuste Buch. Im folgenden der Text des mails, das an unsere interessierten Freunde und Gönner ging:

"Es ist soweit und wir dürfen eintauchen in das neue Buch von Sabriye Tenberken mit dem Titel "Die Traumwerkstatt von Kerala - die Welt verändern, das kann man lernen" (ISBN 978-3-462-04717-2). Das Buch ist nun im Handel erhältlich. Abenteuerlich und äusserst packend beschreibt Sabriye Tenberken ihre lehrreichen Erfahrungen, die sie mit ihrem Partner Paul Kronenberg vor 15 Jahren bei der Gründung einer Blindenschule in Lhasa gemacht haben. Diese Erfolge und ihre Träume führten sie dann nach Kerala, wo sie heute die Traumwerkstatt für soziale Visionäre leiten. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die Mut macht: Jeder Einzelne kann die Welt verändern!
 
Momentan sind die beiden in Deutschland auf einer Lesereise. Auf folgender Webseite gibt es alle Details zum Buch und auch zu den Terminen der Lesereise sowie eine Rezension vom deutschen Journalisten und Mitbegründer des Cap Anamur:  http://www.kanthari.ch/neues_buch/ .
Ein weiterer Höhepunkt findet in dem Zusammenhang am 8. Oktober 2015 statt, wo Sabriye Tenberken in der Sendung "Aeschbacher" bei SRF um 22:25 Uhr  ihr neues Buch vorstellen wird.
 
Letzte Woche waren beide zu Gast in der NDR-TV Sendung "DAS!" Sie können die Sendung über folgenden Link nachschauen: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/das/DAS-mit-Sabriye-Tenberken-und-Paul-Kronenberg-,dasx6226.html"
 
Vielleicht haben ja einige von euch Zeit und Lust, bei Aschbecher reinzuschauen oder sich gleich das Buch zu besorgen.



26.9.15 14:46, kommentieren

Projektarbeit

Eine kleine Erfolgsmeldung vorweg: letzten Sonntag sind wir tatsächlich vom Campus bis ans Meer gelaufen, ca. 3,5 Stunden, Beweis siehe unten. Dort in Kovalam gab's ein Bier und Seafoodnudeln. Für die Hunde war es das erste vorsichtige Bad im Meer.

Wir sind jetzt in der dritten Woche unseres dritten Aktes, der drei Zielsetzungen hat: erstens mit der lokalen Kommune zusammenzuarbeiten, zweitens dabei herauszufinden, wie man Widerstände überwinden kann (alle Projekte wollen Veränderung und es gibt verschiedene Strategien, wie man Menschen dazu bringt, ihr Denken oder Verhalten zu ändern) und drittens professionelles Projekt Management.

Ich erinnere mich nicht, ob ich das schon geschrieben habe, aber wir Catalysts haben nun drei verschiedene Rollen: drei von uns sind die 'Kunden', die bei einer der drei Gruppen ein Projekt in Auftrag geben. Kunden sind interessiert im Projektfortschritt, schauen nicht hinter die Kulissen und fordern eine wöchentliche Sitzung und einen Report ein. Dann gibt es 'Berater'. Diese warten ab, bis eine Gruppe sich an sie wendet mit konkreten Fragen und Bitten und werden dann aktiv. Da geht es darum, Kontakte zu Experten, Schulen oder anderen Institutionen herzustellen, Übersetzungen oder Transporte zu organisieren. Und drittens gibt es 'Beobachter'. Diese nehmen passiv an Team Meetings teil oder gehen auch mal unangemeldet in die Büros und notieren, was ihnen v.a. im Team Alltag so auffällt. Einmal die Woche geben sie dem ganzen Team Feedback plus nach jedem Team Meeting demjenigen, der die Sitzung leitet. Dies soll rotierend geschehen, so dass jede/r mal die Chance hat, dies zu üben (übrigens gar nicht so einfach).

Die erste kleine Gruppe sind unsere "Bauern", die den Auftrag haben, unser Land hier für Bio-Landwirtschaft zu nutzen und einen Plan zu entwickeln, der uns auf Dauer in Bezug auf frische Lebensmittel autonom macht - inklusive Hühnern, Fischen und einer Kuh! Die zweite Gruppe - wo ich Beobachterin bin - beschäftigt sich mit dem Thema Hautfarbe und dem Abschlussfest. Sie soll in Gymnasien Aufklärungsworkshops machen zu dem Thema, Jugendliche sensibilisieren auf die prägende Wirkung z.B. der Medien. Ein zweites Team der Gruppe kümmert sich darum, dass an unserem Abschlussfest am 10.10. alles Projekte gut vertreten sind, viele Leute und auch Medien eingeladen werden und es professionell organisiert ist.

Ich bin Kundin von der dritten Gruppe, der Social Entrepreneur Gruppe, die auch zwei Projekte hat: einmal in Colleges zu gehen und mit einer attraktiven Textiltasche gegen den Gebrauch von Plastikbeuteln zu werben (im Sinne von 'Jute statt Plastik'). Diese Tasche wird verkauft und bringt so etwas Profit. Das zweite Projekt beinhaltet, einen Business plan mit Implementierungsstrategie für unseren online Shop zu entwickeln. Dieser soll neben den kanthari Produkten auch Erzeugnisse unserer Absolventen anbieten.

Die letzten zwei Wochen drehten sich um das Projekt Briefing, Hintergrundwissen und v.a. das Erstellen eines Proposals für uns Kunden. Wie zu erwarten gingen diese Proposals in mehrere Revisionen, bis sie schliesslich letzten Donnerstag unterschrieben werden konnten (mit Handschlag!). V.a. die Budgetierung bereitete Mühe, der detaillierte Aktionsplan, die Messbarkeit des Erfolges. Notabene alles Dinge, die sie bald selber ganz genau für ihre eigene Initiative beherrschen müssen.

Wie schon im ersten Akt liegt die grösste Herausforderung aber darin, als Team zu funktionieren. Es sind wieder neue Konstellationen und bis sich 10 Leute gefunden und organisiert haben, vergeht Zeit. Dies zu beobachten und auch zu sehen, wie sie besser werden und Feedback ernst nehmen, macht viel Spass. Nach der Verabschiedung der Proposals geht es diese Woche an die Umsetzung: Umfragen werden gestartet, Experten befragt und mit Produzenten gesprochen. Für uns Catalysts sind es entspanntere Wochen, da wir tatsächlich auf dem Rücksitz Platz genommen haben und den Teilnehmern beim Fahren zuschauen. Dass sie dabei Fehler oder Umwege machen, ist gewollt. Wir glauben ja daran, dass Menschen aus solchen Situation mehr lernen, als wenn sie die richtige Lösung einfach vorgesetzt bekommen.


8.9.15 15:19, kommentieren

Sonntagsvergnügen

Ich bin natürlich selber schuld. Hätte ich nicht die Idee laut geäussert, dass 'man' ja mal einen Weg um den Vellayani See herum suchen könnte wäre ich nun nicht Ansprechperson und 'Pfadfinderin' für Sonntagswanderungen geworden. Das Fernziel ist, kommendes Jahr einen Fundraising Anlass zu organisieren, bei dem Teams rund um den See laufen. Ausserdem wollen wir eine kleine Karte fabrizieren, die man Teilnehmern und Gästen in die Hand drücken kann und die den Weg leicht auffindbar macht.
Wir alle kannten Teile der Strassen, aber keinen zusammenhängenden Weg. Google earth ist in der Hinsicht keine Hilfe, da von oben alles grün und bewaldet aussieht und kleine Pfade nicht sichtbar sind.

Wir starteten zu dritt, Sabriye, Graham, unsere zwei Hunde und ich und erregten in der Konstellation (Ausländer, eine Blinde und zwei Hunde AN DER LEINE) ziemlich viel Aufsehen. Vor vier Wochen kostete uns der Versuch, auf kleinen Wegen und Strasse um den oberen Teil des Sees zu kommen, noch 5 Stunden inklusive Picknick Halt auf dem Damm. Inzwischen haben wir viele Abkürzungen und Wege gefunden, allerdings verbleibt immer noch ein Stück auf einer relativ befahrenen Strasse.

Letzte Woche wollten wir eine Abkürzung suchen und verirrten uns im Sumpf und Bananenplantagen. Inzwischen waren wir 6 Leute (auch unsere Teilnehmer haben davon Wind bekommen) und immer noch zwei Hunde. Nach Beinah-Stürzen ins Wasser, Sackgassen, Angriffen von Feuerameisen, nassen Schuhen und Hosenbeinen liefen wir einem unserer Gärtner in die Arme, der dort am Sonntag auf einem der Grundstücke zusätzliches Geld verdient. Er lotste uns zurück auf einen Weg und wir konnten unsere Erkundung fortsetzen. Allerdings waren wir inzwischen ziemlich müde. Als wir gegenüber vom Campus endlich ans Wasser gelangten, fuhr gerade eins der langen Ruderboote vorbei, das für das heutige Onam-Rennen übte. Die jungen Männer sind dieselben, die die schönen Blumenarrangements um die Ecke fabrizieren (siehe letzten Beitrag) und so stiegen alle bis auf drei aus, holten uns ins Boot(inklusive dem wasserscheuen Babu) und ruderten uns quer über den See bis an unseren Badesteg.

Heute ist Samstag und ich wurde bis jetzt viermal angesprochen, was denn morgen auf dem Plan stünde…? also habe ich eben gegoogelt und wird werden wohl mit dem Auto bis zum Damm fahren und von dort aus den anderen Teil des Sees untersuchen. Die Wanderungen sind eigentlich schön, abwechslungsreich und mit vielen kleinen Entdeckungen verbunden (und gesund allemal). Sie sind aber auch schweisstreibend und dreckig und ich muss am Sonntag für meine Verhältnisse früh aufstehen…

Ein ganz klarer Vorteil hat sich jedoch schon herausgestellt: unsere Hunde werden fitter und schlanker und schlafen nachts besser, ohne bei jedem Geräusch gleich zu bellen…sie sind inzwischen wahrscheinlich die grössten Fans meiner ursprünglichen Idee.


29.8.15 13:02, kommentieren