Letztes Feedback

Meta





 

Onam

Meine treuesten Leser erinnern sich an meinen Bericht zum Onam Festival letztes Jahr: ich durfte die Öllampe anzünden, es wurde gesungen, gespielt und natürlich gut gegessen. Im folgenden findet ihr den Hintergrund dieses in Kerala wichtigsten Festes, das inzwischen religionsübergreifend gefeiert wird.

"King Mahabali & Onam story

The story goes that the beautiful state of Kerala was once ruled by an Asura (demon) king, Mahabali. The King was greatly respected in his kingdom and was considered to be wise, judicious and extremely generous. It is said that Kerala witnessed its golden era in the reign of King Mahabali.

Everybody was happy in the kingdom, there was no discrimination on the basis of caste or class. Rich and poor were equally treated. There was neither crime, nor corruption. People did not even lock their doors, as there were no thieves in that kingdom. There was no poverty, sorrow or disease in the reign of King Mahabali and everybody was happy and content. 



Challenge for Gods
Looking at the growing popularity and fame of King Mahabali Suras (Gods) became extremely concerned and jealous. They felt threatened about their own supremacy and began to think of a strategy to get rid of the dilemma.

To curb the growing reign of Mahabali and maintain their own supremacy, they sought the help of Lord Vishnu (the preserver in the Hindu trinity).


It was said Mahabali was very generous and charitable. Whenever anybody approached him for help or requested for anything he always granted. To test the King, Lord Vishnu disguised himself as a dwarf and a poor Brahmin called Vamana. He came to the Kingdom of Mahabali, just after Mahabali performed his morning prayers and was preparing to grant boons to Brahmins. 



Lord Vishnu takes Vamana Avatar
Disguised as Vamana, Vishnu said he was a poor Brahmin and asked for a piece of land. The generous King said, he could have as much land as he wanted. The Brahmin said that he just wanted as much land as could be covered by his three steps. The King was surprised to hear but agreed. 

A learned adviser of the King, Shukracharya sensed that Vamana was not an ordinary person and warned the King against making the promise. But, the generous King replied that it would be a sin for a King to back on his words and asked the Brahmin to take the land. The King could not imagine that the dwarf Brahmin was Lord Vishnu himself.


Just as King Mahabali agreed to grant the land, Vamana began to expand and eventually increased himself to the size of cosmic proportions. With his first step the Brahmin boy covered the whole of earth and with the other step he covered the whole of the skies. He then asked King Mahabali where is the space for him to keep his third foot.


The King realised that he was no ordinary Brahmin and his third step will destroy the earth. Mahabali with folded hands bowed before Vamana and asked him to place his last step on his head so that he could keep the promise. The Brahmin placed his foot on the head of the King, which pushed him to patala, the nether world. There the King requested the Brahmin to reveal his true identity. Lord Vishnu then appeared before the King in his person. Lord Vishnu granted a boon to the King before he was sent to the hades.


King Mahabali Requests for a Visit to Kerala
The King was so much attached with his Kingdom and people that he requested that he be allowed to visit Kerala once in a year. Lord Vishnu was moved by the Kings nobility and was pleased to grant the wish. Onam celebrates the visit of King Mahabali to the state of Kerala every year."

Ausserhalb unseres Campus', ca. 50m entfernt, verzweigt sich die kleine Strasse und in der Gabel liegt ein unbebautes Grundstück. Dort trifft sich die (männliche) Jugend des Quartiers, zwischen 5 und 10 junge Männer, 15-18 Jahre, fast jeden Abend. Dies könnte in der Dunkelheit bedrohlich wirken, aber man kennt sich und die "Halbstarken", wie Sabriye und ich sie nennen, grüssen immer freundlich und praktizieren ihr kümmerliches Englisch.

Sie haben es sich ausserdem zur Aufgabe gemacht, zu Weihnachten dort eine schöne Krippe zu bauen und zu Oman wunderbare Blumen- und sonstige Arrangements. Der Brauch will es, dass man 10 Tage lang jeden Tag ein neues Kunstwerk aus Blütenblättern, kleinen Steinen, Farbpuder und Reis fabriziert.

Wir finden es bemerkenswert, dass diese jungen Männer diese doch eher "weibliche" Tätigkeit mit Hingabe übernehmen. Sie hatten sogar am Samstag unser Logo nachgebaut. Unten ein paar Bilder ihrer Werke.

Bei uns gibt es heute zum Mittagessen das traditionelle Onam-Sadya (Festessen) auf Bananenblättern und nachher ein paar Spiele. Für die indischen Kollegen sind Donnerstag und Freitag Feiertage, wo die Familie zusammenkommt. Wir Ausländer machen mit dem Kurs weiter, da uns das etwas viel Zeit kosten würde in unserem vollgeplanten Kurs.

In diesem Sinne: Happy Oman!




26.8.15 07:28, kommentieren

Werbung


Hafenprojekt

Sabriye und Paul haben einen Deutschen Freund, der hier ein Hotel aufgebaut hat und seit 15 Jahren in Kerala lebt. Es ist eine wunderschöne Anlage mit zwei Teilen, einem Strandabschnitt mit dahinterliegenden Hütten und Ayurvedischen Behandlungsräumen und weiter oben das Hauptgebäude mit Zimmern und einem Restaurant mit Traumblick.

Abgesehen davon, dass er mit dem Rückgang des Tourismus' in Kerala kämpft hat er nun seit ein paar Jahren neue, grössere Sorgen: die keralische Regierung will genau dort, an "seinem" Strand, einen grossen Hafen bauen. Anscheinend hatte die letzte kommunistische Regierung dies als Standortförderung initiiert und die jetzt amtierende Kongress Partei hat das Projekt aufgegriffen. Bezeichnend ist, dass die beauftragte Entwicklungsgesellschaft aus Gujarat stammt, der Heimat des Premiers Modi…!!

Das erklärt auch, warum es auf politischer Ebene keine Opposition gibt. Denn aus der Sicht Vieler, auch vieler Experten, ist das Ganze eine Totgeburt: erstens hat Kerala in Kochi weiter nördlich bereits einen Hafen, der immer noch rote Zahlen schreibt, zweitens ist die Gegend mit einem top-modernen Hafen in Colombo/Sri Lanka, einem in Chennai im Osten, den erwähnten in Kochi und weiter nördlich in Mumbai bestens ausgestattet, drittens würde der Hafen keine Container abwickeln, was der Teil des Welthandels ist, der noch floriert und viertens leidet ja bekanntlich die Schiffslogistik sowieso an Überkapazitäten.

Also keine gute Zeit, einen Hafen zu bauen. Widerstand kommt nun aber nur von einem Grüppchen hartgesottener Aktivisten, die Mühe haben, Unterstützung zu rekrutieren. Der Deutsche Hotelier muss als Ausländer sowieso vorsichtig sein, sieht aber, wie seine benachbarten Kollegen ohne Probleme ihr Land inklusive Hotel verkaufen, wenn denn nur der Preis stimmt (es wird aber anscheinend nur das Land vergütet). Dass der Hafen gerade einmal fünf Kilometer vom grössten Touristenstrand in Kovalam entfernt ist, den er mit Garantie verschmutzen wird, stört keinen. Keiner wagt es, gegen diesen sichtbaren Beweis von Indiens "Fortschritt" offen anzugehen.

Im Gegenteil wird den Leuten auch im Hinterland der Mund wässerig gemacht. Da sie vermeintlich bald das Tor zur Welt vor der Haustüre haben werden von den Gemeinden bereits Landteile, die unter Schutz stehen, daraus entlassen, da es potentielle Granit-Steinbrüche sind. Auch hier, erzählt meine Kollegin, die dort in einem Dorf zuhause ist, zählt meist nur das Geld. Einerseits verständlich, wenn es immer knapp ist, andererseits eben auch extrem kurzsichtig. Die Spaltung der Dörfer in die fundamentalistischen Fortschrittsgläubigen und die ebenso fundamentalen Gegner hat bereits zu blutigen Zusammenstössen geführt und einige Dorfgemeinschaften zerstört.

Kerala leidet unter wirtschaftlicher Strukturschwäche: nur Landwirtschaft und Tourismus gibt es, wenig (Information)Technologie wie im "Technopark" vor den Toren Trivandrums. In der Landwirtschaft läge aber ein grosses Potential. Der Deutsche Konsul, der letzte Woche zu einem Besuch vorbeikam, berichtete, dass Kerala im Bereich der natürlichen ("organischen") Landwirtschaft führend ist, auch die besten Kontrollen hat und eigentlich in die Lebensmittelverarbeitung investieren müsste. Dies passte zum "grünen" Image des Staates und sicher auch zum Tourismus.

Ob der Hafen nun wirklich kommt, ist nach wie vor offen. Unser Freund hat für ein weiteres Jahr seine Betriebsgenehmigung erhalten. Vielleicht - hoffentlich für einmal - versickert der Plan dann doch im indischen Bürokratiedschungel oder wird von einem anderen Lieblingsprojekt abgelöst.

10.8.15 15:23, kommentieren

Hautfarbe

Vor einer Woche bin ich aus meinen Familienferien in Europa zurückgekommen. Neben Besuchen in der Schweiz und in Deutschland lag eine Familienwoche in der Toskana vor mir, zum dritten Mal im Abstand von 5 Jahren im gleichen Haus in der Nähe von Siena.

Wer nun glaubt, dass ich ja aus den Tropen komme und daher sozusagen dauergebräunt bin liegt total falsch. Wenn ich keine besonderen Massnahmen treffe bin ich hier genauso blass wie in der Schweiz oder in Moskau. Ich trage ziemlich bedeckende Kleider und halte mich so gut wie nie in der direkten Sonne auf. Wenn wir abends schwimmen gehen, geht die Sonne gerade unter.

Um nun also auf die intensive italienische Sonne vorbereitet zu sein fuhr ich an den vier vorherigen Wochenenden jeweils einen Tag ans Meer. Ich habe zwar einen kleinen Garten vor meinem Haus, der ist aber leider einsehbar und ich mag mich nicht im Badeanzug dort hinlegen. Auch oben auf meiner Terrasse ist es trotz eines kleinen Lüftchens viel zu heiss. Am Meer hingegen ist es wunderbar, für wenig Geld gibt es eine Liege mit Sonnenschirm und mittags einen frischen Fruchtsalat. Nur muss man beim Baden richtig aufpassen, nicht zu verbrennen, das geht hier schnell.

So traf ich also leicht vorgebräunt in der Schweiz ein und konnte die Woche am und im Pool gut ohne Sonnenbrand geniessen. Es ist für uns Mitteleuropäer ja schon erstaunlich, wie das Wohlbefinden von einer "gesunden" Gesichtsfarbe abhängen oder das Aussehen danach beurteilt werden kann.

Meine indischen Kollegen verstehen dies gar nicht. Sie sind jeweils etwas erschrocken, wenn ich am Montag mit leicht roter Nase oder braunem Gesicht ins Büro komme. Warum ich unbedingt meine helle Haut dunkler haben will, ist für sie überhaupt nicht nachvollziehbar. Auch das Argument "ich sehe irgendwie gesünder, fitter aus" sticht nicht. Für sie hat Hautfarbe mit sozialen Stufen, nicht mit Fitness zu tun.

Mit diesem Thema werden wir uns auch im kommenden Akt 3 beschäftigen: der Manie, die eigene Hautfarbe verändern zu wollen, weil man dann bessere Chancen hat. In Indien heisst dies aufhellen, nicht bräunen. In jedem Laden stehen Batterien von Aufhellungscremes, es wird mit elfenbeinfarbenen Bollywoodschönheiten geworben und Ella hat erzählt, dass sie in ihrem indischen Dorf von der gesamten weiblichen Einwohnerschaft als perfekte "indische Schönheit" definiert wurde: ganz helle Haut, gern auch helle Augen, aber dunkle lange Haare. Blondinen werden hier nicht unbedingt geschätzt, sind wohl dann doch zu fade?

Ein Blick in die wöchentlich erscheinenden Kontaktanzeigen (Beilage zum "The Hindu") bestätigt, dass sozusagen jede Anzeige den Begriff "fair", also "hell" enthält. Obwohl oberflächlich gesehen Kastenwesen und Hautfarbe weniger wichtig werden und es mehr Mischehen gibt wird nach wie vor hell mit hoher Kaste und dunkel mit unterster Kaste oder gar Dalits, den Unberührbaren gleichgesetzt.

Jede Braut, die sich anpreist, ist also hell, jeder Bräutigam sucht eine helle Frau. Zum Glück ist der Begriff ja relativ, deshalb werden sich auch dunklere Menschen finden, aber es zeugt von einer Besessenheit und Oberflächlichkeit, die einerseits schwer zu verstehen ist, andererseits natürlich auch an unseren umgekehrten Bräunungswahn erinnert.

Zusätzlich werden Abkürzungen für die erwünschte Kaste verwendet, die ein beträchtliches Insiderwissen voraussetzen (siehe Bild). Manche schreiben zwar "caste no bar", was aber gemäss Kennern der Szene darauf schliessen lässt, dass mit der Angepriesenen oder dem Angepriesenen etwas nicht stimmt!
Oft liest man auch "Clean Habits", v.a. bei den inserierenden Damen, was einige Rückschlüsse darauf zulässt, wie es um die hygienischen Gewohnheiten des Durchschnittinders bestellt ist…und auch der Hinweis "Horoskop Match a must" lässt uns lächeln, ist hier aber weit verbreitet: ohne die Zustimmung des Familien-Astrologen gibt es keine Heirat.

Im dritten Akt nun vergeben wir an die Teilnehmer Projekte, die sie in Eigenregie umsetzen sollen, eins davon ist, eine Aufklärungskampagne in Schulen durchzuführen zum Thema Hautfarbe. Diese werden momentan vorbereitet, während die Teilnehmer vier Wochen in ihren Praktika weilen - ich werde berichten.


3.8.15 18:39, kommentieren

Ashram zum Zweiten

Wenn ich momentan etwas weniger schreibe, dann deshalb, weil ich mich nicht wiederholen möchte. Ich habe ja letztes Jahr ausführlich über unsere Kurswochen und -monate geschrieben und dieses Jahr ist es mehr oder weniger dasselbe.

Letzten Samstag sind einige der Teilnehmer und Catalysten zu einem Ashram in der Nähe Trivandrums gefahren. Der Anlass war weniger der spirituelle Begegnungsort als die Tatsache, dass diese Anlage über eine eigene organische Farm verfügt. Und da wir - wie schon berichtet - einige Farmprojekte im Kurs haben sind die Interessierten inklusive mir losgezogen und haben die Anlage gesucht.

Den Tempel sieht man schon von Weitem, da er die Form einer Lotusblüte aufweist aus einem Material, das mich an das Opernhaus in Sydney erinnert: schimmernd weiss mit leichter Struktur. (Negativ) geprägt durch meinen Besuch im Ashram der Amma vor einem Jahr mit Karin hat mich diese Anlage positiv überrascht. Obwohl anscheinend 1000 Menschen konstant hier leben herrschte eine sehr ruhige und friedvolle Atmosphäre und man sah auch keine Menschenmassen. Wir konnten an dem Samstag nur Inder dort entdecken, keinen einzigen Westler - die bei Amma immerhin 60% der Besucher ausmachen. Ganze Familien wohnen hier, es gibt eine Schule, ein ayurvedisches Krankenhaus, Supermarkt und Restaurant.

Wir wurden durch den Tempel geführt, nett über den Gründer/Guru aufgeklärt, der als Bild oder Statue verehrt wird und gerieten dann in die professionelle PR Maschine des Ashrams: immerhin waren wir eine aussergewöhnliche Gruppe mit vier Weissen, 4 Schwarzen und einem Inder.

Ein Auto fuhr vor und obwohl wir unser Interesse an einem Besuch der Farm äusserten wurden wir erst einmal in das Spital gefahren. Ich muss aber zugeben, dass es beeindruckend war: der Bau liegt in einem dichten Wald und ist luftig und ausgewogen. Alle medizinischen Produkte sind streng ayurvedisch und selber hergestellt. Es roch wunderbar, ganz ungewohnt für ein Spital. Die Ärzte werden in fünf Jahren in der eignen Universität ausgebildet. Viele Menschen kommen mit diffusen Beschwerden oder Erschöpfungszuständen dorthin und werden nach ausführlicher Untersuchung auf spezielle Diät gesetzt und ca. 2 Wochen ayurvedisch behandelt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es wirklich hilft.

Unser Leiter zeigte uns Behandlungszimmer und auch die Luxusvariante eines Spitalzimmers, was eher etwas skurril war: dicke Ledersofas, kleine Metallsäulen an der Wand, Glastüren zum Schlafzimmer, opulente Schränke und ein riesen Fernseher an der Wand. Wir bekamen leckeren Kräutersaft gereicht und versuchten wieder, zum Aufbruch zur Farm zu drängen. Der Form halber zeigte ich Interesse an den Behandlungen und bekam eine Kostenschätzung (für meine kranke Mutter!) von 50'000Rupien für 10 Tage inklusive alles. Das sind etwa 800CHF.

Dann aber ging es endlich zur Farm. Unsere Teilnehmer waren begeistert: ein geschlossener organischer Kreislauf - die eigenen Kühe fressen unbehandeltes Gras, ihr Dung geht zu den Pflanzen und verhindert Schädlingsbefall, die Bepflanzung des Bodens wird immer wieder geändert und der Ertrag so optimiert. Mit der Farm werden alle benötigten Heilkräuter abgedeckt und die 1000 Menschen verpflegt. Zusätzlich werden Gemüse und Obst im Markt im kleinen Ort verkauft, den wir leider aus Zeitgründen nicht mehr besuchen konnten.

Für die Farmarbeiter waren wir eine Sensation, ich bin mir ziemlich sicher, dass sie noch nie Menschen mit so schwarzer Haut gesehen haben. Auch die Haare unserer Teilnehmerin - in kleine Zöpfe geflochten - mussten sie anfassen und posierten, wie alle Inder, gerne für ein Photo.





28.6.15 18:07, kommentieren

Indische Kinder

Eine meiner Nachbarsfamilien hat zwei Kinder, zwei Mädchen im Alter von etwa 4 und 2 Jahren. Die Jüngere würde ich mal als "Quengelkind" bezeichnen, sie weint häufig in der Art, wie sie erfahrene Eltern als Versuch erkennen, den Willen durchzusetzen. In der Reaktion auf dieses Quengeln erkenne ich keine Strategie: einmal wird lang und tröstend auf sie eingeredet, manchmal wird sie massiv angeschrien, beide Verhalten führen selten zum Verstummen.

Dies ist ein Einzelfall, für mich aber etwas bezeichnend für das Verhältnis vieler Inder zu ihren Kindern. Obwohl die Familie in Indien an allererster Stelle steht und bedingungslos unterstützt wird trifft man viele Familien, z.B. im Zug oder Bus, die einen relativ freudlosen Eindruck machen. Die Kinder werden zwar viel herumgetragen, Körperkontakt ist Pflicht v.a. bei Babies, aber die liebevolle Zuwendung, wie wir sie praktizieren oder man sie in Südeuropäischen Ländern sieht, ist hier selten zu beobachten. Auch eine Gesprächskultur mit Kindern sieht man so selten, dass Ella und mir im Hotel in Kalkutta eine Familie am Nebentisch regelrecht ins Auge sprang, die sich mit ihren beiden Kindern lebhaft und lachend unterhielt - sehr untypisch.

Meine indischen Kolleginnen erzählen mir, dass für die meisten Frauen der Weg eben vorgezeichnet und nicht frei gewählt ist. Wenn man nicht in einer westlich geprägten Grossstadt lebt oder die Mühe auf sich nimmt, sich den Normen zu widersetzen, weiss man schon als Teenager, was auf einen zukommt: erst wird die Mitgift sichergestellt (was einige Zeit dauern kann, v.a. bei mehreren Töchtern), dann ein Mann gesucht. Der kann zwar bei liberaleren Eltern auch zurückgewiesen werden, aber der dritte Präsentierte sollte es dann schon sein. Nach der Heirat warten beide Clans sofort auf Nachwuchs, ob die Frau (schon) will oder nicht.

Dass dieser dann nicht übermässig begeistert empfangen wird, leuchtet vor dem Hintergrund ein. Die Frauen sind damit meist aus dem Berufsleben verschwunden, ans Haus der Schwiegerfamilie gebunden (was ein weiteres zur Stimmung beitragen kann!) und widmen sich Haushalt und Aufzucht. Und obwohl die Familie so enorm wichtig ist, entsteht bei mir häufig der Eindruck (und habe ich auch gehört), dass sie in vielen Fällen eher als Last und Bedrückung denn als Auffangnetz und Unterstützung gesehen wird.

Die Familie entscheidet dann auch weiterhin: welche Schule, welche Ausbildung, welche Stelle. Auch Till berichtet, dass es für seine indischen Freunde ganz normal ist, dass ihre Familie für sie Studienplatz und -richtung entscheiden wird. Dabei stehen leider nur drei Richtungen wirklich hoch im Kurs: Arzt, Anwalt oder Ingenieur. Diese gelten als sichere Wahl, auch wenn genau deshalb ein Überangebot herausgezüchtet wird. Alternative Berufswünsche wie bei meinem Kollegen, der Theaterwissenschaften studierte, müssen gegen grosse Widerstände und evtl. unter Hinnahme eines Bruches mit der Familie durchgestzt werden. Er hat das Momentum dann gleich genutzt, um sich selbst seine Frau auszusuchen.

Das indische Schulsystem tut ein Weiteres, um die Kinder an ihrer individuellen Entwicklung zu hindern. Die meisten Schulen sind reine "Auswendiglernanstalten" ohne jegliche Diskussionen oder kritische Hinterfragung. Klar,dass dies dann auch in den Familien nicht passiert. Auch deshalb ist es teils schwierig, bei indischen Erwachsenen Kritik anzubringen. Es kann kaum zwischen Tätigkeit und Person unterschieden werden, also wird es rasch persönlich genommen. Es erinnert mich in der Hinsicht sehr an Russland, wo das Schulsystem ähnlich und die Fähigkeit, eigenständig und kritisch zu denken, wenig verbreitet ist.

Auf der anderen Seite, wie glaub schon erwähnt, sind die Kinder im Vergleich zu unseren viel weniger anspruchsvoll und absolvieren stunden- oder tagelange Zugfahrten ohne ein Spielzeug oder Ablenkung und meist ohne Quengelei. Davon könnten sich nun unsere Kinder wiederum ein Stückchen abschneiden...

1 Kommentar 7.6.15 10:36, kommentieren

Organische Landwirtschaft

Letzte Woche wurde geübt, wie man professionell interviewt und relevante Daten "im Feld" erhebt. Dazu teilten wir uns in 6 Interessensgebiete auf, die alle Teilnehmer abbilden: Umwelt, Gesundheit, Frauen, Kinder, Behinderung, Ausbildung. Wir Catalysten begleiteten je ein Gruppe.

Meine Kollegen hatten mit passenden Organisationen Termine vereinbart. Zuerst ging es darum, die Ziele und Arbeit der jeweiligen Organisation zu verstehen, danach trafen wir "Kunden", also Begünstigte dieser Stiftungen und sie konnten wieder befragt werden.

Ich war der Umweltgruppe zugeteilt. Interessanterweise haben wir ja dieses Jahr das erste Mal 5 Projekte, die sich mit Abfalltrennung und -wiederverwertung, mit "Urban Farming", also Anbaumöglichkeiten auf kleinstem Raum, im Slum etwa, sogenanntem Aquaponic (Fischzucht mit Gemüseanbau) und organischer Landwirtschaft befassen.

Für mich ein ziemlich neues Thema, keins, in dem ich mich besonders fit fühle. Umso mehr war ich nach dem stündigen Einführungsreferat der Organisation geschockt, was ich da alles zu hören bekam: Die Praktiken der grossen Chemieunternehmen, die Auswirkungen auf die Umwelt und natürlich den menschlichen Körper. In den USA hat man im Nabelschnurblut (hab den Fachausdruck vergessen) von Neugeborenen im Schnitt 286 verschiedene chemische Substanzen gefunden. Z.T. Krebs bildend, z.T. mentale Schäden hervorrufend. Unglaublich.

In Indien begehen jedes Jahr über 100'000 Bauern Selbstmord, weil sie der Schuldenfalle nicht mehr entkommen können. Dabei hat sich Indien bisher mehr als andere Länder z.B. in Afrika gegen die Machenschaften der Grosskonzerne gestemmt. Diese verkaufen besondere Samen, dazu dann passenden Dünger und passende Pestizide. Das ist teuer. Einmal Abnehmer kann ein Bauer schwer wieder aus dem System aussteigen. Wenn er es tut, muss er erst mal Jahre den Boden wieder aufpäppeln, um allenfalls organisch zu wirtschaften, die Auflagen sind streng.

Europa gilt als Vorreiter der organischen Bewegung, auch in Amerika gibt es starke Interessengruppen. Und Kerala hat anscheinend eine Strategie entwickelt, um in 10 Jahren nur noch organisch anzubauen, was sicher auch dem Tourismus zugute kommt.
Ich bin auf jeden Fall neuer Fan des organischen Anbaus und werde auch bewusster essen. Zum Glück planen wir ja, unseren Campusgarten auszubauen und auch Tiere zu halten (Hühner, Enten, Fische).

Anschliessend besuchten wir einen Bauern, der seit vielen Jahren organisch anbaut. Die Gespräche wurden fachkundiger, man begab sich auf den Acker. Ich blieb bei der Dame des Hauses, die überraschenderweise ganz gut Englisch sprach. Sie erzählte mir von der arrangierten Hochzeit ihrer einzigen Tochter und nahm meine kritischen Fragen mit Humor. Die Tochter wollte es so und ist nun glücklich mit ihrem Mann in Singapur.

Zum Abschluss des Tages tischte sie uns allen wunderbare frische (organische) Papaya auf, die ich so noch nie gegessen hatte. In der Konsistenz wie eine Mango, nicht so seifig wie bei uns manchmal, saftig und lecker.

Ansonsten leiden wir unter starken Sommergewittern wie bereits beschrieben. Letzten Sonntag verursachten Blitze, bzw. Kurzschlüsse so starke Schäden an unserem IT System, dass wir zwei Tage kein internet hatten und seit einer Woche nicht auf unseren server zugreifen können. Erst dann merkt man, wie lächerlich abhängig man davon geworden ist.

31.5.15 17:53, kommentieren

Mein Leben als Politikerin

Ja, wir sind wieder in T., dem Land, dessen Name ich nicht (mehr) ausschreibe, weil wir im internet möglichst wenig Spuren darüber hinterlassen wollen, um künftigen Teilnehmern keine Insiderinformation zu geben.

Und ja, ich bin wieder die Oppositionspolitikerin, die versucht, wahre Demokratie in das korrupte, autokratisch regierte Land zu bringen. Diesmal stehen sogar Wahlen an, so dass ich eine Kampagne vorbereiten muss. Und wie schon im letzten Jahr ist es interessant zu sehen, wie die Teilnehmer sich zwar "im Prinzip" mit meinen Zielen identifizieren, aber davor zurückschrecken, sich wirklich auf eine politische Stellungnahme einzulassen.

Bei den Interviews, die jeder letzte Woche mit den Ministern und auch mir führen konnte kam heraus, dass sie mich viel aggressiver attackieren, als die regierende Elite, die ziemlich offensichtlich unsozial, nicht säkular und eben korrupt ist. Aber - sie brauchen eben die Regierungsstellen für ihre Registrierung und sonstige Erlaubnisse. Dieser Spagat ist natürlich auch in der Realität in den meisten ihrer Länder zu bewältigen, dennoch wünschte ich mir - als Politikerin - mehr Zivilcourage und merke, wieviel Misstrauen Politikern generell entgegenschlägt - Missstände hin oder her.

Dieses Jahr hatte ich aber ein Druckmittel: eine Bedingung für ihre Geschäftsregistrierung ist, einen "Offiziellen" im Aufsichtsrat (Board) zu haben. Das gab mir die Gelegenheit, im Sinne von "eine Hand wäscht die andere", regelmässige Artikel für meine website als Gegenleistung zu verlangen. Und als wir am Samstag die berühmten "Elevator pitches" übten (das Wesentliche in einer Minute, als wenn man mit einer wichtigen Person im Lift fährt und sein Projekt verkaufen will) und in einer Apero-Inszenierung jeder möglichst viele Visitenkarten sammeln wollte, knüpfte ich meine an einen Parteibeitritt. Und das klappte.

Letzte Woche war auch die Woche der ersten Dream Speeches - die dann ja am Ende im Dezember viel professioneller nochmals vorgetragen werden. Dieses Jahr hatten die 10-minütigen Reden vielfach etwas Therapeutisches. Viele Tränen flossen bei den wie immer sehr bewegenden Lebensgeschichten, die Projekte standen eher im Hintergrund.
Am Freitag dann der Theater und Sprachworkshop mit vielen spassigen Übungen, die die Hemmungen vergessen lassen sollen und natürlich v.a. die Stimme trainieren. Dazu gehen wir u.a. in Gruppen auf unsere vier Tretboote, platzieren diese in einem Viereck von ca. 20m Seitenlänge im See und jeder muss eine Minute so lauf sprechen, dass alle ihn/sie verstehen. Falls nicht, wird er/sie nass gespritzt.

Wir haben eine, wie wir finden, sehr reife und fitte Gruppe diesmal. Es gibt noch keinen, der sich absondert, keine Grüppchen, sondern viel Zusammenhalt und Spass und vor allem eine grosse Leistungsbereitschaft. Das kann sich ändern, aber macht es uns momentan leicht. Wir haben dieses Jahr im ersten Akt mehr Tage, die sich mit den individuellen Persönlichkeiten befassen, sie dazu bringen zu reflektieren und sich auch vertieft mit ihren Werten, sozialen Normen und dem sozialen Kontext ihres Projektes zu befassen. Dies nachdem wir in den letzten Jahren immer wieder Menschen hatten, die zwar motiviert und engagiert waren, aus unserer Sicht aber nicht wirklich geeignet, mit der angestrebten Zielgruppe zu arbeiten (z.B. aus religiösen Gründen).

Es ist v.a. schön zu sehen, wie viele Neuankömmlinge richtig aufblühen, z.B. unsere Teilnehmerin aus dem westlichen Nachbarland mit P. Sie sagt uns, dass sie sich das erste Mal in ihrem Leben total frei fühlt und ungezwungen auch mit dem anderen Geschlecht zusammenleben und arbeiten kann. Und unser blinder Teilnehmer aus Äthiopien (der, der verloren ging) hat tatsächlich seine Wasserphobie überwunden und geht jetzt mit Schwimmweste baden. Er hat uns ein rührendes mail geschrieben, was für ein unglaublicher Schritt dies für ihn sei.

Also wie immer viel Arbeit zu Beginn des Kurses, aber auch viel Wertvolles, was zurückkommt.

25.5.15 17:32, kommentieren