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Lärmtoleranz

Indien gehört zu den am dichtest besiedelten Ländern der Erde (Bevölkerungsdichte in Kerala beträgt 859 Einwohner je km². Damit gehört der Staat zu den am dichtesten besiedelten Regionen Indiens). Ich hatte in einem früheren blogeintrag bereits die beträchtliche akustische Umweltverschmutzung in Indien erwähnt und wurde letzte Woche wieder daran erinnert. Seit Ende Januar läuft hier nun ein hinduistisches Festival, das nur alle drei Jahre stattfindet - dafür aber drei Monate lang! Dies bedeutet, dass der Vellayani Tempel, der ca. 500m von unserem Campus entfernt liegt, üppig geschmückt wird, der Festplatz daneben mit Bänken und Tischen ausgerüstet wird und, vor allem, mannshohe Lautsprecheranlagen in allen Himmelsrichtungen aufgestellt werden. Es wird nicht jeden Tag gefeiert, aber auch nicht nur am Wochenende. Es kann sein, dass ein Sonntag vergleichsweise ruhig ist, aber am Montag Abend die Musik und Stimmenübertragung startet und fast durch die Nacht geht. Das Festival bedeutet in seinem Höhepunkt, dass Prozessionen mit Elefanten durch die Nachbarschaft ziehen (nachts!) und von den Leuten mit Feuerwerk und Essensgaben in selbstgebauten und geschmückten Holzhütten begrüsst werden. Im Gegenzug werden die Häuser gesegnet. Als der Umzug durch unsere Strasse kam, war ich gerade auf Sri Lanka, leider, wie ich erst dachte, bis ich die Lärmbeschreibung von Paul hörte. Es ist in solchen Momenten unmöglich zu schlafen, solcherart ist die Lautstärke. Bereits seit einigen Tagen hörte ich nun, dass es langsam dem Abschluss zugeht, keiner konnte aber genau sagen, wann es endet. Deshalb war ich letzten Montag sicher, dass das Feuerwerk, das begleitet von Gesängen und Musik um uns herum in den Himmel stieg, der Abschlussabend war. Der Mittwoch strafte meine Vermutung Lügen. Als ich gerade am Einschlafen war (ich musste bereits um 1am wieder aufstehen, um zum Flughafen zu fahren (um in die Schweiz zu fliegen) und wollte wenigstens 3 Stunden Schlaf bekommen) explodierten plötzlich ohne Vorwarnung riesige Feuerwerkskörper direkt neben meinem Haus, wie ich dachte, sicher nicht mehr als 20m entfernt. Das ging ca. 20 Minuten so, ohne dass dazu menschliche Laute wie Gejohle oder Rufe zu hören waren. Dann "zog" das Feuerwerk weiter, anscheinend in klarer Dramaturgie durch die Nachbarschaft und wurde schliesslich mit ohrenbetäubender Musik abgeschlossen. Da war es ein Uhr und ich musste aufstehen. Wir Europäer haben oft unsere indischen Kollegen darauf angesprochen, wie es sein kann, dass man in so einem dicht besiedelten Land nicht etwas mehr Rücksicht aufeinander nimmt. Dieser Gedanke ist anscheinend gänzlich ungewohnt. Man nimmt es halt so hin und keine Religionsgemeinschaft möchte der anderen einen Vorwurf daraus machen, da sie selber auch die Freiheit der lärmigen Ausübung haben möchte. Die Erzählung, wie ich in der Schweiz um 12.10Uhr von einem vorbeifahrenden Radfahrer belehrend darauf angesprochen wurde, dass man Glas zur Mittagszeit zwischen 12 und 14 Uhr nicht in den Container entsorgen darf, da zu laut, wird mir fast nicht geglaubt. Und über meine Bemühungen, meinen Nachbarn das knatternde Geräusch der Rickshaw zu nachtschlafender Zeit zu ersparen, indem ich meinen Koffer selber bis zur Hauptstrasse ziehe, können sie nur herzhaft lachen - diese verrückten Ausländer! Kein Inder würde sich daran stören. Allerdings ärgern sich durchaus einige Inder darüber, dass die Lärmbelästigung nicht nur wie beschrieben für Festivals oder hohe Feiertage in Anspruch genommen wird, sondern auch populäre Bollywoodsongs durch die Anlagen wummern. Das Gesetzt sieht anscheinend durchaus eine Ruhezeit von 22 - 6 Uhr morgens vor, die aber selten durchgesetzt wird. Die Polizei braucht eine Beschwerde, um tätig zu werden, aber davor schrecken viele dann wieder zurück, trotz allem Ärger. Sogar in Kovalam, der Touristenhochburg, hat sich die Hotelleitung schriftlich bei den Gästen des teuren 5*-Hotels dafür entschuldigt, dass über Weihnachten nicht nur die Kirchen ihre Lautsprecherboxen in unmittelbarer Nachbarschaft aufstellten und die ganze Nacht in Betrieb hielten ("Hallelujaaah"), sondern auch die Tempel. Ändern können sie daran nichts und für ruhesuchende Touristen kann dies durchaus ein Grund sein, nicht wieder nach Indien zu reisen. Wie Menschen, die direkt neben den Tempeln und Kirchen wohnen, diesen Lärm aushalten und daneben ihrer Arbeit nachgehen, wird mir wohl ein Rätsel bleiben müssen.

2.5.14 12:38

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