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Religion, Politik und Architektur

Wer sich fragt, was diese drei Begriffe miteinander zu tun haben: sie bestimmten mein Wochenende. Am Freitag Nachmittag hatten wir eine Premiere bei kanthari, einen inter-religiösen Dialog. Angeregt durch unsere Teilnehmerin aus dem Nachbarland mit P., die ja in diesem Bereich tätig werden möchte, haben wir je einen Vertreter der drei grossen Religionen eingeladen, die in Indien praktiziert werden: einen islamischen Gelehrten, einen christlichen Priester und einen hinduistischen Mönch.

Die drei haben zuerst während 15 Minuten Ihre Religion eingeführt und dann mit uns diskutiert, wie diese zu sozialen Veränderungen steht - dies ist ja unser Fokus. Als öffentliche Institution müssen wir religions-neutral sein. In einer Zeit, wo in Indien Muslims wegen Fleischverzehrs (Kühe!) umgebracht oder verfolgt werden wollten und mussten wir auch sicherstellen, dass wir in keinster Weise Anlass zu der Vermutung geben, wir würden Stellung beziehen und gar unsere Teilnehmer beeinflussen.

Der Pater begann und legte in einer sehr strukturierten Rede die verschiedenen Strömungen des Christentums dar, präsentierte sich aber auch als sehr liberal. Er sprach gut, deutlich, aber klang halt doch etwas wie von der Kanzel. Dann der Islamwissenschaftler - er stand auf und redete feurig und in einem Rutsch, war aber etwas wenig klar und strukturiert. Auch er vermittelte das Bild eines offenen, moderaten Gelehrten. Er scheute sich nicht, die momentanen Probleme mit Fundamentalisten anzusprechen. Zuletzt ergriff der Hindu das Wort. er begann mit einem gesungenen Mantra und hatte uns natürlich gleich im Griff. Er war dann aber auch so witzig, rhetorisch gewieft und dabei bodenständig, dass er deutlich am meisten Applaus erhielt und seine Rede auch am nachhaltigsten im Gedächtnis blieb. Alle drei Reden waren aber für mich als religiös ziemlich unbelecktes Gemüt sehr lehrreich.

In der Fragestunde wurde der Bezug zu sozialen Realitäten und Problemen hergestellt: Jeder Glaube in Bezug auf Agnostiker, Unterdrückung, Bildung, Veränderung generell, gemischte Ehen etc. Alle drei erwiesen sich als flexibel und auch ehrlich, was die Schwachstellen ihrer jeweiligen Institution angeht. Es war ein interessanter Nachmittag.

Am Samstag boten wir den Teilnehmern einen fakultativen Ausflug an. Es ging zu dem Architekturbüro, das unseren Campus gebaut hat und das einzige Büro ist, das strikt nach den Regeln des visionären britisch-indischen Architekten Laurence Baker (1917-2007) baut. Dieser entwickelte für und zusammen mit Mahatma Ghandi eine günstige und ökologisch gesunde Bauweise, die alte Techniken einbezieht, optimal für das jeweilige Klima ist und nur mit regionalen Baustoffen arbeitet. Wir besuchten einige Projekte, unter anderem eine Slumüberbauung in Trivandrum. Hier wurden einfache Blechhütten abgerissen und durch fast dreieckige Backsteinhäuser mit kleinen Wohnungen für 20 Familien ersetzt. Jede Wohnung hat, da in der Schräge des Dreiecks gelegen, auch einen Aussenbereich, der bei Bedarf in Wohnraum umgewandelt werden kann.

Und Politik spielt seit einigen Wochen eine grössere Rolle, da nun nach den Wahlen nach und nach die Ergebnisse bekanntgegeben werden. Als wir am Samstag mit dem Bus in die Stadt zu eben dem Architekturbüro fuhren, wurden wir immer wieder von jubelnden Parteianhängern aufgehalten, die je nach Gesinnung grosse rot-weisse Fahnen mit Sichel schwenkten oder aber solche mit der stilisierten Lotusblüte der BJP. Sie bejubelten Gewinne in der Gemeinde, aber mit solch einer Begeisterung, dass ich mir davon ein wenig für die europäische Jugend wünschte.

Leider geht die Begeisterung einher mit der Freude an Feuerwerk - es knallt seit Tagen (und Nächten!) und dies geht nun nahtlos über ins morgen anstehende Diwali Fest, Fest des Lichtes eigentlich, aber eben auch des Knallens.

9.11.15 15:37

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