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Tempelbesuch

Seit drei Wochen ist mein Vater hier und unterstützt uns bei der Einstudierung der Abschlussreden (Dream Speeches). Seine ersten Eindrücke hat er ja im letzten Gastbeitrag geschildert. Als er hörte, dass einige aus der Gruppe jeden Sonntag Abend in den Tempel gehen, wollte er gern einmal mitgehen. Dies passierte nun heute.

Es gibt staatlich finanzierte und private Tempel. Viele Familien haben einen Tempel, in den seit Generationen alle Familienmitglieder gehen, wie es auch bei uns mit den Kirchen üblich war. Jeder Tempel ist einer der vielen Hundert Tausenden von Gottheiten gewidmet, die den Hinduismus auszeichnen. Man kann sich also seinen ganz persönlichen Gott / seine Göttin aussuchen, je nach deren Charakterzügen und Stärken. In jedem Tempel gibt es aber einen bis viele Nebengötter, die auch dort verehrt werden und kleinere Schreine haben.

Wir besuchten einen kleinen Waldtempel, der 20 Gehminuten vom Campus entfernt liegt. Einer aus dem kanthari Team hat ihn empfohlen, da es eben sein "Familientempel" ist. Man läuft der Hauptstrasse erlang und biegt dann in einen kleinen Lehmpfad ab, der ziemlich steil bergab führt. Es hatte heute geregnet und das ganze war dunkel und ziemlich glitschig. Der Pfad mündet in eine mittelgrosse Lichtung, an der linkerhand ein kleines Häuschen liegt, das wohl der Tempelverwaltung dient. Rechts dann der kleine Tempel mitten unter Palmen und Bäumen, davor ein Brunnen. Die Schuhe werden vor der Lichtung ausgezogen und von nun an spielt sich alles auf dem nassen, lehmigen, aber auch angenehm weichen Waldboden ab.

In diesem Tempel nun findet jeden Sonntag Abend um 18.30h eine sogenannte Puja statt, also ein Gottesdienst. In staatlichen, grösseren, kann dies täglich sein. Man kann wohl vorher den Priester anrufen und eine spezielle Puja bestellen: für die Vorfahren, die Mutter, den Vater, mehr Geld, Gesundheit etc. etc. Eine Liste der üblichsten Pujas hängt zentral an einem Baum wie eine Menukarte im Restaurant. Diese speziellen Pujas kosten in diesem Tempel zwischen 10 und 150Rupien, also 10Cent und 2Euro. Möchte man aber eine ganz spezielle haben, nur für einen allein mit aufwendigen Ritualen und Materialien, kann diese bis zu 200Euro kosten.

Der Haupttempel war in diesem Falle Shiva, eine Art "Zeus" unter den Hindugöttern, gewidmet. Man muss sich diesen Tempel als kleines Häuschen von etwa 4x4 Metern vorstellen mit einem überdachten Plateau für die Vorbereitungen und einem offenen Vorraum. Die Gläubigen versammeln sich vor dem Schrein, in diesen hinein geht nur der Priester. Dieser bereitet die Puja vor, indem er viele kleine Öllampen anzündet und Räucherstäbchen verteilt. Wenn die Helfer mit der Glocke läuten und einer laut in eine Muschel bläst fangen die Frauen mit einem Gesang an, einem monotonen wiederkehrenden Mantra. Dies etwa 10 Minuten. Dann öffnet sich die Tür des Schreins und man sieht die Shivastatue, vielleicht 1m hoch, umgeben von flackernden Kerzen und Öllampen, dazu auch Blumen. Ein Knallkörper wird gezündet, man zuckt zusammen. Der Priester singt nun etwas und schwenkt eine grosse Öllampe im Kreis um die Gottheit herum. Danach trägt er sie hinaus und die Gläubigen können mit den Händen über oder durch die Flammen fahren und sich damit das Gesicht wärmen. Es sieht gefährlicher aus, als es ist und es ist auch nicht heiss, sondern angenehm warm.

Dieser Ablauf wiederholt sich nochmals bei den beiden kleineren Nebenschreinen, einer für Shiva's Gattin Paravati und einer für Ganesh. Peinlicherweise lief ich aber in eine hängende Öllampe hinein und das heisse Fett lief mir ins Haar. Das wurde mir aber zum Glück nicht als mangelnder Respekt ausgelegt. Überhaupt begegnete man uns als Ausländern und klar Nicht-Hindus mit grosser Freundlichkeit und Offenheit.

Danach läuft man über die Lichtung zu einem alten Baum und huldigt anscheinend der Natur. Danach sassen wir eine Weile auf den Steinbänken unter den Bäumen und bekamen ein Stück frische Kokosnuss vom Priester, sehr lecker, wurde gleich gegessen. Wieder zurück zum Haupttempel gab es eine Handvoll Kokosnussmilch, die man rasch schlürfen musste, bevor sie einem zwischen den Fingern hindurchrann. Helmuth hatte da etwas falsch verstanden und schmierte sie sich ins Haar - das erntete nachsichtiges Lächeln und soll ja auch für glänzende Haare sorgen…

Nun ging's aber ums "Geschäftliche". Wenn man keine spezielle Puja wie oben beschrieben bestellt hat, wird ein kleiner Obolus erwartet und man bekommt die Segnung. Erst werden die, die bestellt haben, gesegnet und bekommen, je nach Grösse der Puja, ein Blatt mit Blumen und Sandelholzpaste übergeben. Das wird von den Helfern in Zeitungspapier eingewickelt, damit sie es nach Hause nehmen und vor ihren Hausschrein legen können. Wir übegaben unsere 10 Rupien und bekamen eine kleine Blume, die man sich hinters Ohr steckt und einen Klecks Paste für das Segnungzeichen auf der Stirn (nicht zu verwechseln mit dem Bindi, dem runden Stirnzeichen für Frauen).

Derart beglückt gingen wir wieder zu den Steinbänken und bekamen auf einem Bananenblatt köstlichen süssen Reis serviert, gekocht mit Rosinen, Zimt, Nelke, Kardamom und wahrscheinlich noch vielen anderen Gewürzen. Helmuth und ich hatten nach dem Frühstück nur einen Fruchtsalat am Meer gegessen und hauten richtig rein.

Dann zurück über den Waldboden zu den Schuhen, Helmuth hatte ausgerechnet heute seine festen Laufschuhe angezogen und sich entschieden, die ganze Puja in Socken zu absolvieren. So musste er nun die dreckigen Socken ausziehen und mit nassen Füssen irgendwie in die Schuhe rein. Bei meinen Plastiklatschen ging das natürlich einfacher. Dafür bekam er eine Mitfahrgelegenheit auf dem Motorrad meines Kollegen angeboten.

6.12.15 17:07

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