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Indische Nationalspiele

Gestern, Samstag Abend, ergab sich überraschend die Möglichkeit, mit Paul an die Eröffnungsfeierlichkeiten der 35. Indischen Nationalspiele zu gehen, die alle 4 Jahre und dieses Jahr in Kerala stattfinden. Er hatte die Karten und einen Parkschein von Freunden bekommen, die in die Organisation der Spiele involviert sind.
Der Anlass, dass ich Sabriye's Karte bekam, war leider kein schöner: keiner hatte sie über einen vollen Kaffeebecher informiert, der direkt vor ihrem Pronto, dem deutschen Blindencomputer stand und sie hat ihn voll über das Gerät gegossen. Das kommt einem Supergau nahe, da sie die letzten Kapitel ihres neuen Buches drauf hatte neben zig weiteren Dokumenten. Es stellte sich als Glück heraus, dass der USB stick, der drin war, noch funktionierte und sie ziemlich viel davon retten konnte. Trotzdem ist sie zurückgeworfen und wollte und musste nun alles aufholen. Und der Pronto hat den Geist aufgegeben.

Paul und ich sind also um 17 Uhr los in seinem kleinen Auto. Paul fährt hier in Indien Auto, seit sie das zweite Mal zu Besuch waren und wussten, dass sie hier bleiben würden. Solche kleinen Kisten (Tata oder Suzuki oder ähnlich) kosten hier umgerechnet 4-5000CHF, also für uns fast nichts, und sind im Stadtverkehr praktisch. Man merkt, dass Paul auch in Afrika, China und Tibet immer selber gefahren ist, er fährt indischer als die Inder und nimmt die Schrecken des chaotischen Strassenverkehrs routiniert.

Es war mir gar nicht bewusst gewesen, dass etwas ausserhalb Trivandrums, nördlich des Flughafens ein nagelneues Stadium (erstmals) nach Internationalen Vorgaben erstellt worden war und nun gestern seine Einweihung feierte, Wir kamen überraschend gut durch und wurden von einem der vielen Polizisten in eine Seitenstrasse eingewiesen, die vor dem Stadium abbog. Leider stellte sich heraus, dass der Parkschein, von dem wir gehofft hatten, dass er eine Art VIP Pass sei, keine Funktion hatte und auch nicht weiter Eindruck machte. Alle Parkflächen waren voll, wir fuhren schliesslich einmal ums Stadium herum und fanden auf dem Unigelände Platz, gegenüber des Stadium-Haupeinganges. Als wir hinliefen, wurde bereits das erste Feuerwerk gezündet, das Fest war schon eröffnet, die Sonne ging gerade blutrot über dem Meer unter.

Von weitem waren wir sehr beeindruckt, das Stadium mitten in einer grossen Grünfläche sah aus wie ein Ufo. Es beunruhigte uns etwas, dass nicht nur Menschenmassen hin-, sondern auch beträchtliche Massen vom Stadium wegliefen. Den Grund fanden wir rasch heraus: es war geschlossen, da mit 50'000 Menschen voll! Paul erzählte, dass Eintrittskarten gratis verlost worden waren, um allen Bevölkerungsschichten die Möglichkeit eines Eintritts zu geben. Nun standen hier einige Tausend vor dem Eingang und schauten sich das Fest am grossen Bildschirm an. Der Eingang war mit einem Cordon von Polizisten versperrt. Paul zog ungerührt die "Ausländerkarte" und erzählte den Polizisten, dass wir nun extra aus Europa eingeflogen seien, um dabei zu sein. Die Konfrontation mit Weissen, denen etwas passiert ist oder die sich beschweren verursacht vielen Indern grosses Unbehagen. SIe können uns einfach nicht wie Ihresgleichen behandeln und zeigen auch Respekt vor unserer Durchsetzungskraft ("wer ist denn ihr Vorgesetzter?"). Der langen Rede kurzer Sinn, wir wurden hineingelassen und nun offenbarte sich in den untersten Katakomben des Stadiums, dass dieser ein veritabler Rohbau war. Nackter Beton, teils bröckelig, keine Abschrankungen oder Geländer, ein Gerippe. Hier machten sich gerade Hundertschaften von Künstlern und Statisten in wunderbaren Kostümen parat für ihren Auftritt - viel Farbe vor dem Betongrau. Wir bahnten uns einen Weg nach oben und merkten, dass auch die Nummern auf unseren Tickets keinen Sinn und Zweck hatten, da die Zeit nicht gereicht hatte, Nummern auf den Sitzen anzubringen. Ja, nicht einmal alle Sitze konnten fertig montiert werden, so sassen wir auf einer Betonstufe und hatten dafür einen grossartigen Blick ins Stadium.

Drinnen sah es super aus, Scheinwerfer und Tonanlage waren gut, alles wurde auf verschiedene Grossleinwände projiziert, die Ränge waren voll und erwartungsfroh. Als wir sassen liefen gerade die Delegationen aus den 29 Gliedstaaten ein. Sie wurden vom Sprecher vorgestellt und flanierten einmal an den Ehrengästen vorbei und dann in die Mitte des Stadiums. Zuletzt kam die grosse Truppe des Gastgebers Kerala. Ohrenbetäubender Applaus. Alle waren in die schönen, typisch keralischen, eierschalenfarbigen Saris und Dhotis gekleidet, sah sehr edel aus. Danach kamen leider einige Reden, auf Englisch und Malayalam, was wohl für die Millionen Fernsehzuschauer simultan übersetzt wurde. Einige Politiker wurden auch niedergebuht, wir fanden aber nicht heraus, welche dies waren. Der Präsident des Landes, Mohdi, hatte sich anscheinend kurzfristig entschuldigen müssen.

Den grössten Applaus bekam ein Nationalheld des Sports, einer der besten Cricketspieler des Landes. Als die Leute aufsprangen und jubelten, bebte der Betonboden. Ich war doch etwas nervös, als Paul - immerhin gelernter Bauingenieur - sorgenvoll den Boden nach Rissen absuchte. Wir sassen zum Glück nah an einem Ausgang, mochten uns aber das Chaos bei einer Panik nicht wirklich ausmalen. Schliesslich war dies der Härtetest für das neue Gebäude.

Als die Reden beendet waren wurde ein Feuerwerk gezündet, das in den gerade noch etwas hellen Abendhimmel stieg. Danach wurde die Flamme entzündet und die Spiele für eröffnet erklärt. Alle Delegationsleiter legten einen Eid ab, saubere und "grüne" Spiele abzuhalten, was immer das heisst. Nun kam der kulturelle Teil und dieser war wirklich ein Highlight. Ein Film wurde gezeigt - wieder riesen Jubel, da der Hauptdarsteller der populärste Schauspieler Keralas war - in dem die Geschichte von Kerala nachgespielt wurde. Immerhin ging Vasco da Gama in Kerala an Land, nördlich von Kochi. Parallel zogen Hundert-, wenn nicht Tausendschaften von Statisten ins Stadium. Eine Reihe stand entlang der Banden mit den bunten indischen Schirmen, die für hinduistische Festivitäten gebraucht werden. Davor stand eine Reihe mit flackernden Öllampen. In der Mitte war eine Bühne, wo das Geschehen im Film mitgespielt wurde. Drumherum Hunderte von Schauspielern in keralischen Gewändern, die traditionelle Kampfkunst und Tänze zeigten.

Das Beste aber war, dass das alles nur von Trommeln begleitet wurde. Erst ein einziger Trommler, der in unglaublicher Geschwindigkeit trommelte, dann immer mehr, die abwechselnd trommelten. Alle klatschten im Rhythmus der Trommeln mit. Dazwischen einige Trompeten, die die Trommeln unterstützten, aber kein Gesang. Und alles unterlegt mit einer sehr schönen Lichtregie, so dass man wirklich Gänsehaut bekam. Wir fanden die Feier sehr authentisch keralisch, kein Bollywood Kitsch, sehr streng und geradlinig inszeniert, beeindruckend.

Danach war etwas unklar, wie es weitergeht, kein Sprecher meldete sich zu Wort, die Statisten verschwanden, viele Leute gingen. Es wurden Werbeclips für die Spiele gezeigt. Manchmal brandete Applaus auf und wir hatten keine Ahnung, warum. Es war nun fast 21.30h. Wir wussten, dass noch weitere Auftritte kamen, beschlossen aber, noch etwas im Stadium umherzulaufen und zu sehen, was noch kommen würde, und dann nach Hause zu fahren. Es trat schliesslich der Schauspieler aus dem Film auf, als Sänger, weil in Indien ja alle guten Schauspieler auch singen müssen. Die Stimmung stieg, aber wir beschlossen zu gehen, er konnte mit dem Vorherigen unserer Meinung nach nicht mithalten.

Bei unserem Rundgang fanden wir bestätigt, dass das Stadium wohl buchstäblich in letzter Minute fertig geworden und alles nur auf die Eröffnung hin arrangiert worden war. Fahnenmasten waren mit Plastikstrippen festgebunden. Dies hatte allerdings den Vorteil, dass beim zeremoniellen Fahnenaufzug, als ein Seil klemmte, die Fahnenstange ganz unzeremoniell gekippt und kurz repariert wurde. Dann ging es weiter. Aber auch Stromkreise, elektrische Anlagen standen einfach so im Betonstaub, Treppenhäuser ohne Abgrenzung etc. Sicher ein Alptraum für Deutsche oder Schweizer Behörden. Aber alles klappte und wir merkten auch, wie stolz die Inder waren auf diese professionelle Veranstaltung und versuchten daher, unsere Belustigung über den Zustand des Stadiums nicht allzu offen zu zeigen.

Um 22.30 Uhr war ich wieder hier und machte mir erst einmal ein Käsebrot. Wir hatten zwar Wasser und ein paar Snacks in weiser Voraussicht eingepackt, aber ich war hungrig. Ein schöner Abend.






1.2.15 11:06

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