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Indische Kinder

Eine meiner Nachbarsfamilien hat zwei Kinder, zwei Mädchen im Alter von etwa 4 und 2 Jahren. Die Jüngere würde ich mal als "Quengelkind" bezeichnen, sie weint häufig in der Art, wie sie erfahrene Eltern als Versuch erkennen, den Willen durchzusetzen. In der Reaktion auf dieses Quengeln erkenne ich keine Strategie: einmal wird lang und tröstend auf sie eingeredet, manchmal wird sie massiv angeschrien, beide Verhalten führen selten zum Verstummen.

Dies ist ein Einzelfall, für mich aber etwas bezeichnend für das Verhältnis vieler Inder zu ihren Kindern. Obwohl die Familie in Indien an allererster Stelle steht und bedingungslos unterstützt wird trifft man viele Familien, z.B. im Zug oder Bus, die einen relativ freudlosen Eindruck machen. Die Kinder werden zwar viel herumgetragen, Körperkontakt ist Pflicht v.a. bei Babies, aber die liebevolle Zuwendung, wie wir sie praktizieren oder man sie in Südeuropäischen Ländern sieht, ist hier selten zu beobachten. Auch eine Gesprächskultur mit Kindern sieht man so selten, dass Ella und mir im Hotel in Kalkutta eine Familie am Nebentisch regelrecht ins Auge sprang, die sich mit ihren beiden Kindern lebhaft und lachend unterhielt - sehr untypisch.

Meine indischen Kolleginnen erzählen mir, dass für die meisten Frauen der Weg eben vorgezeichnet und nicht frei gewählt ist. Wenn man nicht in einer westlich geprägten Grossstadt lebt oder die Mühe auf sich nimmt, sich den Normen zu widersetzen, weiss man schon als Teenager, was auf einen zukommt: erst wird die Mitgift sichergestellt (was einige Zeit dauern kann, v.a. bei mehreren Töchtern), dann ein Mann gesucht. Der kann zwar bei liberaleren Eltern auch zurückgewiesen werden, aber der dritte Präsentierte sollte es dann schon sein. Nach der Heirat warten beide Clans sofort auf Nachwuchs, ob die Frau (schon) will oder nicht.

Dass dieser dann nicht übermässig begeistert empfangen wird, leuchtet vor dem Hintergrund ein. Die Frauen sind damit meist aus dem Berufsleben verschwunden, ans Haus der Schwiegerfamilie gebunden (was ein weiteres zur Stimmung beitragen kann!) und widmen sich Haushalt und Aufzucht. Und obwohl die Familie so enorm wichtig ist, entsteht bei mir häufig der Eindruck (und habe ich auch gehört), dass sie in vielen Fällen eher als Last und Bedrückung denn als Auffangnetz und Unterstützung gesehen wird.

Die Familie entscheidet dann auch weiterhin: welche Schule, welche Ausbildung, welche Stelle. Auch Till berichtet, dass es für seine indischen Freunde ganz normal ist, dass ihre Familie für sie Studienplatz und -richtung entscheiden wird. Dabei stehen leider nur drei Richtungen wirklich hoch im Kurs: Arzt, Anwalt oder Ingenieur. Diese gelten als sichere Wahl, auch wenn genau deshalb ein Überangebot herausgezüchtet wird. Alternative Berufswünsche wie bei meinem Kollegen, der Theaterwissenschaften studierte, müssen gegen grosse Widerstände und evtl. unter Hinnahme eines Bruches mit der Familie durchgestzt werden. Er hat das Momentum dann gleich genutzt, um sich selbst seine Frau auszusuchen.

Das indische Schulsystem tut ein Weiteres, um die Kinder an ihrer individuellen Entwicklung zu hindern. Die meisten Schulen sind reine "Auswendiglernanstalten" ohne jegliche Diskussionen oder kritische Hinterfragung. Klar,dass dies dann auch in den Familien nicht passiert. Auch deshalb ist es teils schwierig, bei indischen Erwachsenen Kritik anzubringen. Es kann kaum zwischen Tätigkeit und Person unterschieden werden, also wird es rasch persönlich genommen. Es erinnert mich in der Hinsicht sehr an Russland, wo das Schulsystem ähnlich und die Fähigkeit, eigenständig und kritisch zu denken, wenig verbreitet ist.

Auf der anderen Seite, wie glaub schon erwähnt, sind die Kinder im Vergleich zu unseren viel weniger anspruchsvoll und absolvieren stunden- oder tagelange Zugfahrten ohne ein Spielzeug oder Ablenkung und meist ohne Quengelei. Davon könnten sich nun unsere Kinder wiederum ein Stückchen abschneiden...

7.6.15 10:36

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(14.8.17 18:31)
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